DIE ZEIT:Herr Grütering, Ihre Bandkollegen Sascha Reimann (Ferris MC) und Henning Besser (DJ Phono) leben in Hamburg. Sebastian Dürrer (Porky) versteckt sich auf dem Land. Sie selbst sind nach Berlin gezogen. Verstehen Sie sich noch als Hamburger Band?

Philipp Grütering: Man nimmt uns so wahr, und der Name Deichkind gibt uns einen norddeutschen Anstrich. Aber Sätze wie "Hamburg, meine Perle" sind uns zu lokalpatriotisch. Wir wollten uns von dieser Enge hier losreißen, nicht mehr nachmachen, was die anderen Hip-Hop-Bands machen, sondern etwas Eigenes schaffen. Wir sind keine Hamburger Band mehr.

ZEIT: Wie erleben Sie die Hamburger Musikszene im Moment?

Grütering: Ich komme einmal in der Woche mit dem Auto hierher. Wenn ich nach Hamburg reinfahre, läuft im Radio Butterfly von Crazy Town ...

ZEIT: Ein Billigpop-Stück mit Sprechgesang aus dem Jahr 2000 ...

Grütering: Warum denn das, bitte schön? In Berlin spielen sie neue Sachen.

ZEIT: Auf Ihrer neuen Platte Niveau Weshalb Warum kritisieren Sie die Digitalisierung. Da heißt es: "Danke für den Kommentar, das gefällt mir, like mich am Arsch". Andererseits twittern Sie selbst und posten eifrig auf Ihrer Facebookseite. Wie passt das zusammen?

Grütering:Facebook ist für Bands ideal, um Fans zu erreichen. Gleichzeitig neige ich dazu, das Internet nicht als Werkzeug zu nutzen, sondern den ganzen Tag zu surfen und Dinge aufzuschieben. Das ist ein Konflikt, klar.

ZEIT: In einem anderen Lied singen Sie: "Alle Häuser sind verpixelt, und die Kinder sind im Bett, ganz Dubai hochgezogen, und Sylt ist endlich weg". Was heißt das?

Grütering: Alles, was der Mensch sich wünscht, ist erledigt. Stellen Sie sich vor, der Bau der Elbphilharmonie und der des neuen Berliner Flughafens sind abgeschlossen! Diesen Moment feiern wir ab, das finden wir lustig.

ZEIT: Sie sind bekannt dafür, Subversion mit Hedonismus zu verbinden. Wo ist die Subversion geblieben?

Grütering: Na ja, die Welt ist nicht einfach fertig, sondern wir machen sie fertig. Wir verschmutzen sie, wir sorgen dafür, dass Pole schmelzen und Sylt irgendwann weggespült wird.

ZEIT: Über 10.000 Menschen kommen zu Ihren Auftritten, Sie tragen LED-Pyramidenhüte und Neonschminke und feiern eine große Party. Ist das nicht ein bisschen Dubai?

Grütering: Nein, Deichkind wächst viel gesünder als Dubai. Der Exzess und der Rausch sind der Kern unseres Schaffens. Wir sind alle eher ruhige Typen, aber es befreit uns ungemein, auf der Bühne auszurasten. Die Zuschauer machen dabei mit. In einer Gesellschaft der Selbstoptimierung, in der es ständig heißt: Iss nicht so viel Weizen, iss nicht so viel Zucker, tut es gut, auszubrechen.

ZEIT: Deshalb werden Sie oft als Spaßcombo wahrgenommen.

Grütering: Ja, aber der rote Faden der Band ist der Zweifel: Ich beiße zwar gern in einen Royal TS, aber ich weiß, das ist trauriges Fleisch, und habe ein schlechtes Gewissen dabei. Bei der Gema ist es ähnlich: Ich kann mir Musik runterladen, das ist cool, und die Gema ist totaler Mist, weil die uns abzocken. Aber dann denke ich: Für mich als Künstler ist die Gema auch gut, sie vertritt meine Interessen. Es gibt von allem eine Kehrseite.

ZEIT: Mit Ihren Texten prägen Sie die Jugendsprache, 2012 wurde "Leider geil" das Jugendwort des Jahres in Österreich. Wird man dafür nicht irgendwann zu alt?

Grütering: Ich habe mir tatsächlich das Lexikon der Jugendworte 2014 gekauft, um zu sehen, ob ich daraus was machen kann. Ich habe mich ertappt gefühlt, weil ich viele Wörter nicht kannte. Ich weiß jetzt: Ich bin nicht mehr jugendlich. Aber deswegen denke ich nicht übers Aufhören nach.

Das Album "Niveau Weshalb Warum" erscheint am 30. Januar