Wer sich seiner Heimat stets sicher sein konnte, braucht sich in der Regel keine Fragen nach seiner Identität zu stellen. Wer seine Heimat verloren hat, muss sich diese Fragen ständig stellen. Das Elternhaus, der örtliche Dialekt, die Gerüche, das in der frühen Kindheit geprägte Gefühl von Zugehörigkeit: alles fort. Viele Heimatlose konnten dies nicht verkraften und zerbrachen regelrecht daran.

Die Siedlungshäuser der frühen Bundesrepublik versinnbildlichen noch heute die tief greifenden Veränderungen, die unser Land durch die Ankunft dieser Heimwehkranken erfahren hat. Alte Dorf- und Stadtkerne wurden aufgebrochen, an der Peripherie entstanden neue Quartiere. Hier wohnten die neuen Deutschen in neuen Häusern, nur die Straßen trugen alte Namen versunkener Lebenswelten: Königsberger Straße, Breslauer Straße, Danziger Straße.

Auch die religiöse Landkarte Deutschlands veränderte sich durch die Vertriebenen, wie seit den Tagen des Dreißigjährigen Krieges nicht mehr. Wenn Protestanten aus dem Osten auf Katholiken aus dem Westen trafen, konnte es selbst in den fünfziger Jahren noch zu tumultartigen Szenen kommen. Die bloße Anwesenheit der Vertriebenen stellte gewachsene Hierarchien und Traditionen infrage. Doch mit der Zeit trug das Zusammenleben zu einem neuen, entspannteren Miteinander der Konfessionen bei.

Die Flüchtlinge wurden zu Motoren einer ungeahnten Modernisierung, sie brachen verkrustete Strukturen auf, und sie trugen maßgeblich zum Wiederaufbau Deutschlands bei. Sie waren mobil, konnten überall neu anfangen und gingen dorthin, wo Arbeit war. Gleichzeitig brachten sie wichtige Qualifikationen mit, und gerade die Jungen waren hoch motiviert, mit ihrer Arbeitskraft ein neues Leben aufzubauen. Alles in allem hat Deutschland mit der Integration von Millionen Vertriebenen eine ungeheure kulturelle und soziale Herausforderung gestemmt. All jene hingegen, die damals deren Scheitern voraussagten, konnten nicht weiter danebenliegen.

Schon die Zahlen sprechen dafür, dass die heutigen Ängste erst recht unbegründet sind. 2014 nahm das Bundesland Brandenburg 6.000 Flüchtlinge auf. Im April 1949 lebten dort 655.466 Vertriebene, was einem Bevölkerungsanteil von 24,8 Prozent entsprach. Häufig waren sie jahre-, manchmal sogar jahrzehntelang zwangsweise bei Einheimischen oder in Notunterkünften einquartiert.

Angesichts solcher Erfahrungen sollten wir uns heute keine übertriebenen Sorgen machen und uns an unsere eigenen Familiengeschichten erinnern. Millionen Biografien in Deutschland sind in ihrem Kern von einem Flüchtlingsschicksal geprägt. Für sie alle steht der Handwagen im British Museum gleichsam als Chiffre. Er symbolisiert diese kollektive Erfahrung, macht die Geschichte des Flüchtlingslandes Deutschland verständlich und verweist darüber hinaus auf die globalen Flüchtlingsfragen unserer Gegenwart: Der Handwagen von einst ist das auf dem Mittelmeer treibende Boot von heute.