Schon am Tag des Attentats auf das Satiremagazin Charlie Hebdo, bei dem zwölf Menschen unter dem Feuer von zwei französischen Islamisten starben, warnten viele Muslime in der Pariser Einwanderer-Vorstadt Saint-Denis vor den Folgen der Bluttat. "Das wird uns noch teuer zu stehen kommen!", sagte Karim Benemrise, als er zum ersten Mal die Fernsehbilder vom Attentat sah. Der 28-jährige Marokkaner arbeitet seit fünf Jahren als Tischler in Paris und steht kurz vor der Einbürgerung. Und sein Tischnachbar im Café prophezeite: "Die weißen Franzosen werden eine Menge Dummheiten begehen."

Jetzt ist es möglicherweise so weit. Drei Wochen nach den Anschlägen haben Politik und Medien in Frankreich ihre Ursachenforschung weitgehend abgeschlossen und das angebliche Übel erkannt: Genau, die Banlieues, die Vorstädte mit ihren vielen Ausländern und arbeitslosen Jugendlichen, in denen Drogenhandel und Bandenkriminalität blühen! Aus diesem Milieu kamen schließlich auch die Attentäter. Da liegt es nahe, den gleichen Schluss wie Marine Le Pen zu ziehen, die Anführerin des rechtsextremistischen Front National (FN): "Die Terroristen von heute heißen nicht mehr Bin Laden, sie sind ein radikalisiertes Gesindel mit dem gleichen Profil wie die jungen, minderjährigen Wiederholungstäter." In wem aber sieht der gemeine Franzose das "radikalisierte Gesindel"? Natürlich in den arabischstämmigen oder farbigen Jugendlichen aus der Vorstadt.

Ganz ähnlich denkt offenbar der sozialistische Premierminister Manuel Valls. Er sieht in den Vorstädten "Apartheid" regieren und fordert eine neue "Siedlungspolitik": Den gefährdeten Jugendlichen soll aus ihren Milieus herausgeholfen werden, und sie sollen in ein normaleres Frankreich integriert werden. Valls will die ethnischen Milieus von Algeriern, Marokkanern oder Schwarzafrikanern in den Vorstädten aufbrechen, damit sich die Migrantenfamilien stärker assimilieren. Reichere Städte sollen ihren gesetzlich verfügten Sozialwohnungsanteil aufstocken, den sie bisher oft nicht ausfüllen. Reicheren Eltern soll nicht mehr erlaubt werden, ihre Kinder auf Schulen in besseren Vierteln zu schicken. So will der Premierminister "Ghettobildung und Segregation" verhindern – und damit den Terrorismus bekämpfen.

Das geht seinen politischen Gegnern dann doch etwas weit. "Mit dem Werben für eine Siedlungspolitik besinnt sich der Regierungschef auf die Mao-Bibel", warnt das rechtskonservative Blatt Le Figaro. Doch im Grunde sind sich die politischen Lager vom FN bis zu den Sozialisten einig: Die Republik muss ihren urbanen muslimischen Nachwuchs in Zucht nehmen.

Wenn das mal nicht schiefgeht!

Die Banlieues sind heute die Heimat der sozialen Aufsteiger

Die pauschale Abrechnung mit den Vorstädten und ihren Jugendlichen stimmt hinten und vorne nicht. "Seit 20 Jahren verwechseln Medien und Politiker das Problem kultureller Spannungen in den Vorstädten mit dem Problem der ökonomischen und sozialen Integration der Vorstädte", schreibt der französische Geograf und Sozialforscher Christophe Guilluy in seinem neuen Buch La France périphérique. Guilluy beobachtet seit Jahrzehnten die Veränderungen in den Vorstädten. Es hat sich einiges getan seit den siebziger Jahren, als sich die vielen Einwanderer aus Nordafrika noch in das alte französische Arbeitermilieu der Vorstädte integrieren mussten.

Inzwischen sind die französischen Arbeiter dort verschwunden, pflegen die Einwanderermilieus mehr und mehr ihre eigene Kultur und Religion – in der Fachsprache: den Kommunitarismus. Natürlich kann es deshalb knallen, findet der radikale Islamismus am Rand dieser Milieus Anhänger. Doch nicht unbedingt mehr als anderswo. Denn man weiß heute, dass nicht mehr die Moscheen seine Wegbereiter sind, von denen es in den Vorstädten viele gibt, sondern das Internet, das es überall gibt. Vor allem aber ist es laut Guilluy falsch, die Vorstädte als Ghettos, soziale Endstationen und gerade deshalb als Brutstätten des Terrorismus zu betrachten. Das Gegenteil sei richtig: Sie seien die Heimat der sozialen Aufsteiger.

Nirgendwo in Frankreich ist die Mobilität so hoch wie hier. Wie aus einer Studie aus dem Jahr 2005 hervorgeht, verlassen 61 Prozent der Bewohner innerhalb von neun Jahren die sogenannten sensiblen Zonen, auf die Premierminister Valls jetzt seine Siedlungspolitik anwenden möchte. Das bedeutet: Es sind Einwanderer und ihre Nachgeborenen, die meist innerhalb von neun Jahren einen besseren Platz in der Gesellschaft finden. So wie der Marokkaner Karim Benemrise.

Saint-Denis: Eine Hochburg der Unternehmensgründer

Benemrise lebt einen typischen Vorstadtalltag: Acht Stunden arbeitet er regulär in einer Reparaturwerkstatt, in der reiche Pariser ihre bürgerlichen Möbel aus vergangenen Jahrhunderten restaurieren lassen. So wie er schuften Hunderttausende aus der Vorstadt für den Wohlstand der französischen Weltmetropole: die Putzfrauen der vielen Hotels, die Müllmänner, die Taxifahrer, aber auch die kurzfristig Angestellten der vielen hier beheimateten Weltkonzerne. Die meisten von ihnen sind ausländischer Herkunft. Sie alle bekommen den Mindestlohn und können damit kaum überleben.