Für Stefan Körzell, Vorstandsmitglied im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), war der Fall schon nach einer Woche klar. Am 7. Januar verkündete er per Pressemitteilung: Der Mindestlohn sei "kein Jobkiller". Was "manche Interessen geleitete 'Experten'" vorher behauptet hätten, erweise sich als falsch. Das zeigten aktuelle Zahlen. In keiner Branche sei ein Stellenabbau erkennbar. Die Mehrzahl der Firmen plane sogar zusätzliche Einstellungen. All die Warnungen vor Entlassungen seien deshalb nur eines gewesen: "Theaterdonner".

Noch sind nicht viele Politiker oder Experten, die sich von was auch immer leiten lassen, auf diese Diskussion eingestiegen. Noch streiten sie lieber über die Details des Mindestlohns. Entsteht zu viel Bürokratie, wenn Gastwirte, Bauleiter und Spediteure aufschreiben müssen, wer wann für sie gearbeitet hat? Die Union will die Vorschriften überarbeiten. Verstoßen die Regeln gegen den Wettbewerb in Europa, weil sie auch für durchreisende Lkw-Fahrer aus Polen oder Tschechien gelten? Zwei EU-Kommissare wollten entsprechende Beschwerden in Berlin zur Sprache bringen.

Doch die wichtigste Frage, die in den nächsten Wochen und Monaten noch intensiver diskutiert werden wird, lautet: Kostet der Mindestlohn Jobs? Das war ja der Hauptgrund, warum so viele Jahre über seine Einführung gestritten wurde.

Die Frage scheint einfach, und der für den DGB sprechende Körzell hat sie auf die denkbar einfachste Art beantwortet: Wenn die Unternehmen weiter Leute einstellen, dann kostet der Mindestlohn keine Jobs. Ist doch klar, oder? Die meisten Fachleute sind da vorsichtiger. Ob Unternehmen entlassen oder neue Stellen schaffen, das hänge von vielen Faktoren ab. "Man kann an den Arbeitsmarktzahlen noch nicht erkennen: Was ist Konjunktur, was ist dem Mindestlohn geschuldet, was der Euro-Schwäche oder der EZB-Politik?", sagt Joachim Möller, der Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Gewissheit könnten nur Untersuchungen schaffen, die frühestens nächstes Jahr vorlägen. Interessanterweise argumentiert der DGB bei anderen Themen ganz ähnlich: Dass nach den Hartz-Reformen die Arbeitslosigkeit gesunken sei, habe nichts miteinander zu tun, sagen die Gewerkschafter. Man müsse andere Faktoren beachten. Zum Beispiel die Konjunktur.

Momentan ist der Mindestlohn offenbar kein entscheidender Faktor. Der Arbeitsmarkt befindet sich in ausgesprochen guter Verfassung. Auch eine Warnlampe flackert bisher allenfalls schwach auf: die Zahl der Menschen, die sich arbeitsuchend melden. Wer entlassen wird, muss sich schon während der Kündigungsfrist bei einem Jobcenter registrieren. Bisher zeigt sich bei diesen Meldungen laut IAB wenig Auffälliges. Nur in der Taxibranche stieg die Zahl der Arbeitsuchenden in den vergangenen drei Monaten um etwa 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr. "Der Anstieg ist so stark, dass das wahrscheinlich dem Mindestlohn zuzurechnen ist", sagt Möller. Es handelt sich aber um relativ wenig Beschäftigte, im Dezember waren es bundesweit knapp 700.

Sichere Schlüsse lässt dieses Warnsignal nicht zu. Schließlich betrifft der Mindestlohn vor allem Minijobber. Wer aber als Rentner, Arbeitsloser, Schüler oder Hausfrau – das sind die wichtigsten Gruppen – seinen Minijob verliert, der muss sich nicht arbeitsuchend melden. Was hier womöglich an Arbeit und Einkommen verloren geht, taucht in der Arbeitslosenstatistik nicht auf.

Seine volle Wirkung wird der Mindestlohn auch erst entfalten, wenn alle Übergangsregeln auslaufen. Für Friseure gelten die 8,50 Euro pro Stunde erst von August dieses Jahres an, für Zeitungszusteller von 2017 an, ebenso wie für Helfer in Land- und Forstwirtschaft oder im Gartenbau.

"Unklar ist außerdem, inwiefern der Mindestlohn wirklich angewandt oder umgangen wird", sagt Ronnie Schöb. Der Arbeitsmarktexperte von der Freien Universität Berlin hatte im vergangenen Jahr Schätzungen zu den Jobverlusten vorgelegt. Je nach Berechnungsgrundlage kam er auf 200.000 bis 900.000 Stellen, vor allem Minijobs. "Alle diese Simulationen beschreiben aber die Effekte bei vollständiger Umsetzung und auf mittelfristige Sicht", sagt der Professor. Dazu werde man frühestens in einem Jahr erste Anhaltspunkte haben.

Schließlich bleibt die Frage, wie mögliche Effekte zu bewerten sind. IAB-Chef Möller, der seit Jahren für den Mindestlohn wirbt, betrachtet Verluste von mehreren Zehntausend Stellen für den Arbeitsmarkt insgesamt als "nachrangig". Erst bei mehreren Hunderttausend oder einer Million sei das anders. Die Mehrheit der Experten im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung prognostizierte zuletzt, in diesem Jahr könne es 40.000 normale Stellen und 100.000 Minijobs weniger geben als ohne den Mindestlohn – und warnte ausdrücklich vor dieser Politik. Es kommt also auch darauf an, ob man 140.000 Jobs weniger, die in erster Linie für Geringqualifizierte infrage kommen dürften, für nachrangig hält oder für erhaltenswert.

Als großer Jobzerstörer zeigt sich der Mindestlohn bisher nicht. Dafür könnte allerdings auch seine Wirkung im Kampf gegen die Armut eher klein ausfallen. Vor seiner Einführung hieß es oft: Der Lohn müsse zum Leben reichen, es sei ein Skandal, dass 1,3 Millionen Menschen arbeiteten und trotzdem Hartz-IV-Leistungen benötigten. Die meisten von ihnen sind aber nur wenige Stunden in der Woche erwerbstätig. Wenn eine Hochrechnung des IAB stimmt, wird der Mindestlohn deshalb nur etwa 60.000 Menschen aus der Hilfsbedürftigkeit holen. In der Diktion des Mindestlohn-Forschers Möller wäre auch das bloß ein "nachrangiger" Effekt.