Als ich den Briefkasten meiner Arbeitswohnung in Leipzig-Anger-Crottendorf öffnete, fielen mir zwei Dinge ins Auge. Ein Schreiben von den Stadtwerken, "Strom weg". Und eine CD in einer Hülle, auf die jemand "Grüße von der Eastside" geschrieben hatte.

Es war Abend, und ich erwartete den französischen Übersetzer meines Buches Als wir träumten zu einem Arbeitsgespräch (jetzt haue ich hier mal so richtig auf die Kacke), also: Strom musste dringend wieder her. Obwohl ich mich nicht ungern an meine stromlose Zeit Ende 2004, Anfang 2005 erinnere. Als ich mit dem Wasserkocher in den Keller ging, um mir ein Süppchen zuzubereiten.

Oh sorgenfreie Tage des Hartz IV. Als ich mit einem Barscheck jeden Monatsanfang zur Postbank ging, weil mich die Banken nicht als Kunden wollten ...

Wo sind sie eigentlich, die No-Hartz-Demos, die würde ich sofort verstehen.

"Wir wollen Volt", rufe ich in meine dunkle Wohnung, bevor ich die Amtsplombe löse und die Versorgung wiederherstelle. Die Enteignung beginnt im Vorgarten beziehungsweise im Stromkasten. Es gibt übrigens eine Abklemmschonfrist, die gilt von kurz vor Weihnachten bis Silvester. Wenn zu Weihnachten die Hütte dunkel ist und der Fernseher schweigt, beginnt die Revolution.

Und die Eastside? Ich lege die CD in den Computer ein. Eine alte Fabrik, Anfang 1995. Techno-Musik, Lichtblitze eines Stroboskops. Jugendliche hinter einer Bar aus Metallspinden. Meyer unter ihnen. Ich erinnere mich, dass wir 1994 begannen, in den alten, jungen Ruinen zu hausen, zu träumen, zu tanzen. Den Strom bezogen wir aus einem sich wie durch Zauberhand öffnenden Trafohäuschen. Quo vadis, ihr Tausenden Volt der Träume, heute regiert der Stumpfsinn auf den Straßen.

Vom Autor erschien zuletzt der Roman "Im Stein"