Vor allem in Gegenden, in denen viel Viehzucht betrieben wurde, setzte sich die Laktosetoleranz durch. Diese Entwicklung dauerte nur etwa 5.000 Jahre, hier liefen evolutionäre Prozesse also schnell ab. In Deutschland vertragen heute etwa 85 Prozent der Bevölkerung Laktose. In vielen Gegenden Asiens sind dagegen noch fast alle Menschen laktoseintolerant. Milch zu trinken ist also keineswegs unnatürlich. Wer die genetische Variante hat, verträgt Laktose – und wer nicht, der nicht.

Auch seit es Getreideanbau gibt, haben sich die Gene des Menschen verändert. Wir Heutigen tragen statt einem bis zu zwölf Amylase-Gene in unserem Erbgut – und produzieren daher viel mehr dieses stärkespaltenden Enzyms in den Speicheldrüsen. Wir können daher Mehlprodukte – Pasta und Pizza – viel besser verdauen, als dies unseren Altvorderen gelungen wäre.

Als sich der sesshaft gewordene Mensch mit Getreide und Milch vollzustopfen begann, war dies aus Sicht der Paläo-Esser der Anfang vom Ende. In Wirklichkeit brachten die Bauern etwa viermal so viele Kinder durch wie die Jäger und Sammler. Das verlieh ihnen einen hohen Status: Menschen aus nicht sesshaften Gruppen bemühten sich, in die feine Gesellschaft der Ackersleute einzuheiraten, wie Joachim Burger, Professor für Anthropologie an der Universität Mainz, herausgefunden hat. Die prähistorischen Jäger und Sammler selbst waren also offenbar gar nicht so begeistert von ihrem Dasein wie die heutigen Paläo-Romantiker. Getreide und Milch waren damals kein Teufelszeug, sondern hoch begehrt. "Von den physiologischen Voraussetzungen her können wir unsere heutige Nahrung durchaus verdauen, auch Kohlenhydrate", sagt Burger. "Nicht unsere Nahrung ist das Problem, sondern unser Verhalten." Das heißt: Wir essen zu viel und zu einseitig und bewegen uns zu wenig, ganz einfach.

Trotzdem ist die Geschichte vom ursprünglichen Leben verführerisch. Denn die Feststellung, dass wir zu viel am Schreibtisch sitzen und zu viele Kekse knabbern, mündet bei vielen in übergroße Sorge: Wir seien in unserer überzivilisierten Welt völlig degeneriert, versaut von Technik, hätten den Bezug zu den Wurzeln verloren. Das Natürliche ist besser als das Künstliche, alt ist besser als neu – so sehnt man sich zurück in die kulinarische Vergangenheit und landet in der Steinzeit und bei den Heilsversprechen der Paläo-Diät.

Bleibt die Frage, warum sich die modernen Paläolithiker wirklich so gesund, glücklich, schön und klar im Kopf fühlen. Wie gesund die Steinzeitdiät ist, hängt davon ab, wie man das Konzept interpretiert. Wer Brot, Nudeln und Käse weglässt, dafür mengenweise Schweinshaxen, Salami und Koteletts isst, wird kaum eine wundersame Wandlung des Körpers erfahren. Wer dagegen viel Gemüse isst, verziert mit Nüssen, dazu hin und wieder mageres Wildfleisch, der lebt ziemlich gesund. Nur – das ist keine neue Erkenntnis, sie stimmt mit den gängigen Ernährungsempfehlungen überein.

Mancher Effekt ist schlicht damit zu erklären, dass ernsthafte Paläo-Esser auch ihren Alltag umstellen: Outdoor-Sport, kein Alkohol, viel Schlaf (idealerweise im Paläo-Rhythmus ab Sonnenuntergang bis zur Morgendämmerung).

Die uralte Weisheit, als Revolution gefeiert, lautet also: Iss Gemüse, beweg dich, geh raus, sauf nicht, schlafe viel. Ein Hoch auf die Steinzeit.

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