Kurz schien es, dass in Saudi-Arabien die Folterstrafe für den Blogger Raif Badawi aufgehoben würde. Der saudische Botschafter in Berlin schrieb dem NDR, dass Badawi keine Peitschenhiebe mehr bekommen werde. Auch die zehnjährige Haftstrafe werde wohl verkürzt. Doch aus dem Königreich selbst kommt kein Zeichen.

Badawi sitzt seit Juni 2012 in Haft, weil er in seinem Blog den Islam beleidigt haben soll. Einmal wurde er schon öffentlich gefoltert: 50 Schläge von insgesamt 1.000 hat er nach dem Freitagsgebet vor der Al-Dschafali-Moschee in Dschidda bekommen. Jede Woche sollen weitere 50 folgen. Die Folterstrafe wurde inzwischen zweimal ausgesetzt, weil es dem 31-Jährigen gesundheitlich sehr schlecht gehen soll. Unabhängige Informationen zu seinem Fall gibt es nicht.

Am vergangenen Wochenende reisten zahlreiche Staatschefs an und kondolierten zum Tod des Königs Abdullah. Kanzlerin Angela Merkel entschloss sich, ihre Erkältung zu politisieren, und bat den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, sie zu vertreten. Außenminister Frank-Walter Steinmeier will die Menschenrechte auf seiner Saudien-Reise im Februar in allen Gesprächen thematisieren.

Der neue König Salman hätte jetzt die Möglichkeit, Milde zu zeigen und die Strafe zu erlassen. Doch er fürchtet sich vor Reformen. Solange Raif Badawi öffentlich geprügelt wird oder zumindest die Gefahr besteht, wollen wir den Blick nicht abwenden. Deswegen erscheint heute der erste Teil dieser Kolumne, ein Gespräch mit Badawis Ehefrau Ensaf Haidar. Unsere Kolumne wird Woche für Woche veröffentlicht. Nur die saudischen Autoritäten können sie stoppen, indem sie die Prügelstrafe endgültig aufheben.

(Katharina Kühn)

DIE ZEIT: Jeden Freitag stellt sich die Frage, ob Ihr Mann Raif Badawi ausgepeitscht wird. Wie fühlen Sie sich an diesem Tag der Woche?

Ensaf Haidar: Dieses Gefühl, verloren zu sein, beginnt schon am Donnerstagabend. Ich kann sowieso nicht schlafen, am Freitag ist es aber besonders schwierig für mich aufzustehen, an diesem Tag habe ich Angst.

ZEIT: Eine Fatwa gegen Ihren Mann wirft ihm vor, den Islam beleidigt zu haben.

Haidar: Das ist eine Hassschrift. Es sind Terroristen, die auf der Straße ihr Unwesen treiben und die solche Rechtsgutachten herausgeben. Nun wollen einige von ihnen Raif sogar töten. Mein Mann hat niemals etwas gegen den Islam oder irgendeine andere Religion gesagt oder geschrieben. Er hat immer nur die "Männer der Religion" kritisiert, die den Glauben der Menschen für ihre Zwecke ausnutzen. Er hat das System kritisiert.

ZEIT: Wusste er, in welcher Gefahr er schwebt?

Haidar: Es gibt kein Gesetz, das verbietet, die Verhältnisse zu kritisieren, sogar in Saudi-Arabien nicht. Wir hätten nie gedacht, dass es so schlimm wird.

ZEIT: Sie und Ihre drei Kinder sind schon 2012 nach Kanada geflohen. Hatten Sie das Gefühl, dass auch Sie in Gefahr sind?

Haidar: Wir wussten zwar nicht, dass es so schlimm wird, aber Raif wollte auf Nummer sicher gehen. Er ist ein vorsichtiger Mensch. Er hat für uns die Reise nach Kanada organisiert. Als wir hier waren, wurde Raif angeklagt, und wir haben Asyl beantragt.

ZEIT: Was wollte Ihr Mann mit seiner Arbeit erreichen?

Haidar: Er setzt sich für die grundlegenden Menschenrechte ein. Er rief dazu auf, dass man die Meinung des anderen respektieren sollte. Seine Vision ist eine liberale Gesellschaft, die auf einem friedlichen Zusammenleben aller Mitglieder fußt.

ZEIT: Eigentlich kennen wir Ihren Mann gar nicht so richtig. Wer ist Raif Badawi?

Haidar: Für mich ist Raif der wundervollste Mensch, den ich in meinem Leben getroffen habe. Er hat schon immer geschrieben, als Hobby und als Beruf. 2008 verhängte man gegen ihn ein Berufs- und Reiseverbot in Saudi-Arabien. Er hat trotzdem weitergeschrieben, auch für saudische Medien. Die konnten ihn nicht direkt bezahlen, weil sie sich ja strafbar gemacht hätten. Manchmal hat er deswegen ganz auf seine Honorare verzichtet, weil er unbedingt seine Texte schreiben wollte.