Polemik hin oder her – wenn ein irischer Journalist das deutsche Rentensystem kritisiert, dann sollten die Argumente schon stimmen. So verglich Derek Scally  in der ZEIT (Nr. 3/15) das Umlageverfahren mit dem kriminellen Ponzi-System: Charles Ponzi hatte massenweise Anleger abgezockt, indem er hohe Leistungen versprach, die nicht aus einer realen Rendite, sondern aus den Einzahlungen immer neuer Interessenten finanziert wurden. Weil dieses Schneeballsystem einen exponentiellen Anstieg neuer Einzahler benötigt, welcher aber nur begrenzt möglich ist, bricht es zwangsläufig irgendwann zusammen.

Unser Rentenmodell mit Ponzis Methode in Zusammenhang zu bringen mag Unterhaltungswert haben – mit der Realität hat es nichts zu tun. Erstens gibt es im Umlageverfahren keine systemimmanente Instabilität. Um die Rentenleistung erbringen zu können, braucht es keine exponentielle Zunahme der Beitragszahler. Und zweitens: Die Renten werden nicht aus neuen, zusätzlichen Beitragszahlungen finanziert, sondern aus den vorhandenen.

Damit wären wir beim demografischen Wandel, den Derek Scally – wie so viele andere Kommentatoren auch – als Untergang für das deutsche Rentensystem deutet. Doch die Behauptung, das Umlagemodell könne wegen sinkender Geburtenraten, die ja schon jetzt zu weniger Beitragszahlern führen, nicht funktionieren, ist einseitige Stimmungsmache. Warum? Weil ein entscheidender Faktor der langfristigen Wirtschaftsentwicklung außer Acht gelassen wird: die Produktivitätssteigerung und die damit verbundene Steigerung der Realeinkommen. Höhere Löhne erlauben, höhere Belastungen zu tragen – so lässt sich Generationengerechtigkeit eben auch definieren.

Hier kommen nun die regierenden Parteien ins Spiel. Ihre Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass die wirtschaftliche Produktivitätssteigerung tatsächlich allen Erwerbstätigen in Form von Realeinkommenssteigerungen zugutekommt. Als langjähriger Betriebsratsvorsitzender und Ökonom weiß ich: Eine solche Politik für Arbeitnehmer gewährleistet, dass auch höhere Abgaben in die Rentenkasse bezahlbar bleiben und somit die demografische Entwicklung unserem Umlagesystem nichts anhaben kann. Zumal trotz künftig steigender Beitragssätze das Niveau des Nettorealeinkommens in zwanzig bis dreißig Jahren höher sein wird als das der heute Erwerbstätigen.

Die Larmoyanz, mit der die junge Generation beklagt, sie müsse für immer mehr ältere Ruheständler aufkommen, zeugt von einer merkwürdigen Realitätsferne: Zum Fundament einer funktionierenden Gesellschaft gehört seit jeher, dass sich die Jungen um die Alten kümmern. In unsere Zeit übersetzt heißt das: Die Erwerbstätigen müssen die Rentner unterhalten – so wie die Rentner von heute einst die Generation ihrer Eltern und Großeltern unterhalten haben.

Statt also unser Rentensystem zu kritisieren, gibt es allen Grund, sein 125-jähriges Bestehen zu feiern. Erst recht, weil es die Rentner vor der Gefahr eines Verlustes ihrer Altersabsicherung bewahrt, wie sich jüngst in der Finanzkrise gezeigt hat, als kapitalgedeckte Rentenmodelle erhebliche Verluste hinnehmen mussten. Ferner bietet unser System durch die Dynamisierung eine menschenwürdige Absicherung – sofern diese Sicherheiten nicht durch interessengeleitete politische Entscheidungen manipuliert werden. Das deutsche Rentensystem ist also weder kaputt noch ein Schneeballsystem, wie Scally behauptet. Gefahr droht ihm eigentlich nur durch politische Fehlentscheidungen.

Ein Beispiel hierfür ist die sogenannte Riester-Reform, die das Rentenniveau gesenkt und zugleich versucht hat, die entstehende Lücke durch Ansparen einer kapitalgedeckten Rente auszugleichen. Das funktioniert nicht; statt für eine bessere Altersvorsorge hat diese Reform lediglich für verbesserte Einnahmemöglichkeiten der Finanzindustrie gesorgt: Die hat das Riester-Konzept im Vorfeld beeinflusst und am Ende davon profitiert. Winfried Schmähl, der zur Reformzeit dem Sozialbeirat der Bundesregierung vorsaß und stets vor der Demontage des Rentensystems gewarnt hat, stellt treffend fest, dass die Riester-Reform nicht die Lösung des bestehenden Rentenproblems, sondern dessen Ursache sei.

Insofern wäre eine Debatte über ein angemessenes Rentenniveau, das vor Altersarmut schützt, notwendig. Zwar schreibt Scally in seinem Beitrag viel von "Flickschusterei" am Rentensystem, doch ausgerechnet die Riester-Reform, die größte Fehlentscheidung der vergangenen Jahre, erwähnt er mit keinem Wort. Stattdessen arbeitet er sich an der Mütterrente für Frauen ab, die vor 1992 Kinder geboren haben, und nennt sie ein "Ponzi-Rentengeschenk".

Die Mütterrente soll eine Gerechtigkeitslücke gegenüber der bisher schon bestehenden Regelung für Frauen schließen, die Kinder ab 1992 geboren haben. Dieser Gedanke ist richtig, dennoch ist die Mütterrente ein Skandal – nicht weil sie einer bestimmten Gruppe monatlich ein paar Euro mehr einbringt, sondern weil sie aus der Rentenkasse finanziert wird. Da die Mütter für die zusätzliche Zahlung keine Beiträge in die Rentenversicherung abgeführt haben und mit dieser Rente ihre "Leistung" für die Gesellschaft honoriert werden soll, ist es ungerecht, sie aus der Rentenkasse zu finanzieren. Gerecht wäre daher eine Finanzierung aus dem Steueraufkommen, denn das wäre eine gesamtgesellschaftliche Anerkennung für eine gesamtgesellschaftliche Leistung.