Stadtführerin Edeltraud Strunk steht am Lüneburger Hafen und zeigt auf ein kleines Café. Früher, sagt sie echauffiert, habe Benita immer da gesessen, "eine furchtbare Dame, die Flickenschild da geheiratet hat. Die hat ihr Gedächtnis verloren, ist nach Amerika ausgewandert und hat ihren Liebhaber im See ertränkt." Anka aus Hameln nickt empört. "Jaja, eine unmögliche Frau. Die war nicht gut für Herrn Flickenschild."

Gunter Flickenschild ist eine der großen Persönlichkeiten der Lüneburger Geschichte. Besitzer des größten Hotels der Stadt, ein guter Freund des Oberbürgermeisters. Wenige Menschen haben das Bild von Lüneburg in der Welt so geprägt wie dieser Mann. Nur: Flickenschild ist keine reale Person. Er ist eine der Hauptfiguren der ARD-Telenovela Rote Rosen.

In Lüneburg ist die Vermischung von Realität und Fiktion zum Geschäft geworden. Rote Rosen macht kostenlos Werbung für Lüneburg, die Stadt bietet der Serie die Verankerung in der realen Welt. Ein Erfolg für beide Seiten: Wenn von kommender Woche an Verbotene Liebe nur noch einmal in der Woche ausgestrahlt wird, ist Rote Rosen die einzige tägliche Soap im deutschen Fernsehen, deren Quote kontinuierlich steigt. 1,6 Millionen Menschen schalten jeden Tag um 14.10 Uhr ARD ein – fast doppelt so viele wie zu Beginn der Serie vor neun Jahren. In Lüneburg ist in dieser Zeit die Zahl der Übernachtungen um 40 Prozent gestiegen – mehr als doppelt so stark wie in Deutschland insgesamt.

Die Stadtführung ist am Hotel Bergström angekommen. "Na, das erkennen Sie sofort, liebe Gäste, oder?", sagt Edeltraud Strunk. Die Gruppe, ausschließlich Ehepaare im Rentenalter, murmelt zustimmend. Das Hotel Bergström ist in der Serie der Dreh- und Angelpunkt der Handlung. Damit es keinen Ärger wegen Product-Placement gibt, heißt es dort: Hotel 3 Könige.

Frau Strunk leitet die Fans an einem freundlich grüßenden Portier vorbei ins Innere. Anka aus Hameln dreht sich zu ihrem Mann Klaus-Dieter um. "Sieht ganz anders aus, was?" Klaus-Dieter nickt. "Das hätte man jetzt nicht erwartet."

Das pittoreske Lüneburg mit seinen Hansegiebeln und historischen Straßenzügen passt gut zum ARD-Wohlfühlfernsehen am Nachmittag. Als die Serie startete, sollte zunächst in Hannover gedreht werden. Doch vielen Schauspielern und Fernsehleuten war die Fahrt aus Hamburg zu weit. Und so entschied man sich für Lüneburg, da ist es außerdem einfach schöner.

Hinter den Fassaden endet allerdings die Einheit von Realität und Inszenierung. Das Interieur des TV-Hotels steht etwa vier Kilometer von der Lüneburger Innenstadt entfernt, eine Halle in einem trostlosen Industriegebiet. Wie in einem Möbelhaus reihen sich die Innendrehorte der Serie aneinander. Gerade wird eine Szene im Hotel-Bistro Carlas gedreht, Sendetermin: in sechs Wochen. Drei Kameras stehen vor der Kulisse, geschnitten wird live, wie beim Fußball.

Täglich produzieren 150 Mitarbeiter 48 Minuten und 50 Sekunden Rote Rosen, zwei Teams drehen von 8.30 Uhr bis 18.30 Uhr, Feierabend wird nach Stechuhr gemacht. "Industrielle Kreativitätsproduktion" nennt das Produzent Emmo Lempert. "Wir sind erfolgreich, weil wir gutes Handwerk machen und dem Markenkern treu bleiben."

Gutes Handwerk bedeutet: das alltägliche Leben so dramatisieren, dass es spannend und immer wieder neu wirkt, aber gleichzeitig so realistisch bleibt, dass die Geschichten dem eigenen Nachbarn passieren könnten. Der Markenkern, das ist die Geschichte der Frau Ende 40, die sich noch einmal auf die Suche nach der großen Liebe begibt. Und natürlich der Standort: Lüneburg.

Freitagmorgen, Büro der Autoren: Die Arbeiten an den 240 Szenen, die das Team jede Woche für die 18 bis 20 Darsteller schreiben muss, sind weit vorangeschritten. Bei ihren Skripts müssen die Schreiber nicht nur die richtige Entwicklung der Charaktere beachten, sondern vor allem, dass der Dreh auch logistisch zu schaffen ist.

Rote Rosen verbindet die Prinzipien von Telenovela und Soap. Wie in einer Soap bleibt ein großer Teil der Protagonisten kontinuierlich in der Serie. Dasselbe gilt für Lüneburg als Kulisse. Wie in einer Telenovela wird in je 200 Folgen eine abgeschlossene Geschichte erzählt. Es gibt eine Hauptdarstellerin, die nach vollbrachter Arbeit ausgetauscht wird. "Es geht um eine Frau mit love interest, die erlebt einen magic moment. Dann gibt es einige Hürden zu überwinden, und am Ende steht das Happy End", sagt Lempert.

Konkret heißt das:

Hauptdarstellerin Jana ist nach Frankreich geflohen, um sich klar zu werden, ob sie ihren Noch-Mann Maurice oder ihren Freund Sebastian liebt.

Ihre schwangere Tochter Nathalie ist weggelaufen, weil sie sich von ihrem Vater Maurice hintergangen fühlt, der ihr nicht erzählt hat, dass er den Vater ihres Kindes mit ihrer besten Freundin in flagranti erwischt hat.

Hoteldirektor Gunter fühlt sich von Oberbürgermeister Thomas hintergangen, ihre jahrzehntelange Freundschaft droht zu zerbrechen.

Und Köchin Carla hat ein Reh angefahren und kann nun kein Fleisch mehr essen – ausgerechnet jetzt, wo doch Wild-Wochen anstehen.

Klingt verwirrend, aber gerade das macht tägliche Serien für Fans so spannend. Die Handlung wirkt so unberechenbar wie das wahre Leben; die Protagonisten werden zu realen Bekannten, mit denen man leidet, über die man sich aufregen oder freuen kann.