Was für Magdeburg gilt, gilt für Sachsen-Anhalt erst recht: Diese Gegend wird chronisch unterschätzt. In den kommenden zwei Jahren wird Sachsen-Anhalt jedenfalls eines der politisch interessantesten Länder der Republik sein. Denn 2016, im Frühjahr, findet hier eine nicht unbedeutende Landtagswahl statt, und dass die Polit-Fieberkurve allmählich steigt, erkennt man daran, wie schon jetzt über diese Wahl diskutiert wird.

Die große Frage lautet: Folgt Sachsen-Anhalt dem Thüringer Beispiel? Fliegt hier also die Union aus dem Sessel, regiert in Magdeburg womöglich bald ein linker Ministerpräsident an der Spitze einer rot-roten Koalition? Reiner Haseloff, der CDU-Premier, muss sich zumindest damit auseinandersetzen. Sachsen-Anhalt stehe doch gut da, sagt er und warnt: "Ein Kurswechsel schadet dieser positiven Entwicklung." Das Land brauche "weiter eine stabile Regierung in der Mitte."

Der Ministerpräsident sorgt sich also schon, und das nicht zu Unrecht. Haseloff spürt die Bedrohung. Nicht nur, weil er mit dem Linken Bodo Ramelow konfrontiert ist, den er nun regelmäßig bei den Gesprächsrunden der Ministerpräsidenten trifft und, wie er zugibt, erst kennenlernen muss: Bislang suchen die CDU-Regenten Tillich und Haseloff noch nach dem richtigen Umgang mit ihrem neuen, tiefroten Nachbarn.

Was Haseloff aber auch bedrohlich erscheinen muss, ist, dass die Konkurrenten sich bereits auf die Lauer gelegt haben.

SPD und Linke haben in den vergangenen Tagen quasi zeitgleich und nicht zufällig schon mehr als ein Jahr vor dem Wahltag ihre Spitzenkandidaten in Stellung gebracht. Beide werden mit ihren Landtags-Fraktionsvorsitzenden antreten; die SPD also mit Katrin Budde, 49. Und die Linke mit Wulf Gallert, 51. Letzterer war 2011 schon einmal ins Rennen gegangen – mit dem Ziel, Nachfolger des damaligen CDU-Landesvaters Wolfgang Böhmer zu werden. Das gelang ihm bekanntlich nicht. Nun will Gallert Böhmers Nachfolger, Regierungschef Reiner Haseloff eben, beerben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe 5 vom 19.1.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die Frage ist, ob die SPD den Linken dabei hilft. Derzeit regiert in Sachsen-Anhalt eine schwarz-rotes Bündnis – und klimatische Probleme wie zuletzt in Thüringens großer Koalition gibt es in Sachsen-Anhalt keineswegs. Zudem will Landtags-Fraktionschefin Katrin Budde selbst Ministerpräsidentin werden: "Wir waren in den letzten neun Jahren der Motor dieser Koalition." Jetzt wolle man "die Lokomotive selbst lenken", sagt Budde, "ich möchte die erste Ministerpräsidentin dieses schönen Landes werden". Das freilich ginge nur an der Seite der Linken. Diese und die SPD liegen in Sachsen-Anhalt traditionell nah beieinander: zur Landtagswahl 2011 holten die Sozialdemokraten 21,5 Prozent der Stimmen, die Linken 23,7 Prozent. Die CDU, 2011 bei 32,5 Prozent, ist praktisch uneinholbar.

Tendenziell kämpft die Linke in Ostdeutschland eher mit sinkendem Zuspruch der Wähler – das könnte die große Chance für Budde und die SPD sein. Zumal die Spitzenkandidatin charmant und schlagfertig auftritt. Sie könnte davon profitieren, dass Haseloff und Gallert jeweils zwar talentierte Politiker, aber auch nicht die charismatischsten Redner sind. So gesehen, ist Haseloffs größtes Risiko: dass Budde noch ein paar Prozentpunkte zulegt – und die Linken noch ein paar Prozentpunkte verlieren. Rechnerisch hätte es schon 2011 zu Rot-Rot gereicht. Wenn die SPD Chancen hat, einen Ministerpräsidenten zu stellen, wird Haseloff sie kaum an seiner Seite halten können.

"Wir gehen ohne Koalitionsaussage in den Landtagswahlkampf", sagt Katrin Budde. Das klingt durchaus wie eine Drohung. Die SPD in Thüringen war 2014 mit derselben Botschaft in den Wahlkampf gezogen. Das Thüringer Beispiel muss die Union, muss Reiner Haseloff alarmieren.

So oder so wird Sachsen-Anhalts neue Regierung vor ziemlich großen Aufgaben stehen. Denn das Land gerät nicht nur der Wahlen wegen in den Blickpunkt, sondern auch aus geradezu global relevantem Anlass: 2017 wird hier das 500. Jubiläum der Reformation gefeiert. Das Mutterland in Luther-Hand! Wenn das kein Anlass zu großen Reden ist, wahlweise für einen Regierungschef oder eine Regierungschefin.