Rechteckig oder quadratisch, hoch oder flach: Spiele stecken meist in Pappkisten, die von außen nicht besonders aufregend aussehen. Öffnet man aber den Deckel, kommt so einiges hervor: Spielbretter mit fantastischen Ländern oder dem Weltall, wilde Wälder, Spukschlösser, Labyrinthe. Und was es alles zu tun gibt! Mal bewegt man Püppchen, mal Steine, mal muss man Münzen oder Geldscheine horten. Man muss würfeln, Karten ziehen, zeichnen, auf eine Hupe drücken. Mal gilt es, Erster zu sein, mal, reich zu werden. Mal spielt jeder gegen jeden, mal müssen alle zusammenhalten.

Mit Brett- und Würfelspielen vertreiben sich Menschen schon seit Tausenden von Jahren die Zeit. Heute kommen in Deutschland im Jahr mehrere Hundert neue in die Läden. Und so viele Spiele es gibt, so unterschiedlich sind sie.

Wer denkt sich all die verrückten Welten aus? Wer legt die Regeln fest? Und wie kommen Würfel, Figuren, Karten und Spielbretter schließlich in den Karton? Dafür müssen etliche Leute lange arbeiten. Sie denken, basteln, spielen, denken, testen, werfen weg, denken neu, testen wieder ... Es kann viele Jahre dauern, bis ein Spiel fertig ist. So war es mit Camel Up. Das ist ein verrücktes Kamelwettrennen, bei dem sich die galoppierenden Holztiere aufeinanderhöckern. Der Clou ist ein besonderer Würfelbecher, eine Papp-Pyramide. Sie lässt nur einen von fünf Würfeln raus. Welcher, ist Zufall. Spiele-Experten finden Camel Up so gut, dass sie es zum Spiel des Jahres 2014 gewählt haben.

Ausgedacht hat sich die Wüstenwelt mit den rasenden Kamelen Steffen Bogen. Der arbeitet an der Universität in Konstanz, in seiner freien Zeit erfindet er Spiele. So ist es bei den meisten Erfindern, sie haben eine Arbeit zum Geldverdienen, die Spielerei läuft nebenher. Denn nur die wenigsten werden mit ihren Erfindungen reich. Viele Spiele verkaufen sich nur wenige Tausend Mal. Das Spiele-Erfinden kann man auch nicht studieren oder in einer Ausbildung lernen. Wichtig ist, dass man selbst gern spielt, sagen Steffen Bogen und seine Kollegen. Viele haben sich schon als Kinder neue Regeln zu Spielen ausgedacht.

Spieleautor nennt man solche Spiele-Erfinder. Und als Erstes brauchen sie immer eine Idee. Das kann eine Geschichte sein, wie das Kamelrennen. Es kann eine Regel sein, nach der sich alles richtet. Bei Camel Up war zuerst der Würfelbecher da. Was passiert, wenn eine Maschine verschiedene Würfel in unterschiedlicher Reihenfolge ausspuckt? Darüber grübelte Steffen Bogen und legte los: "Wichtig beim Spiele-Erfinden ist, dass man eine Idee schnell ausprobiert." Er verkrümelte sich in sein Bastelzimmer und baute dort eine Maschine. Die Form einer Pyramide, wie die Würfelmaschine im fertigen Spiel, hatte seine Kiste noch nicht. Und sie war aus Holz, nicht aus dicker Pappe. Doch die Idee funktionierte. Denn mit der Maschine war das Würfeln doppelt spannend, weil es doppelt zufällig war: Man wusste nicht, welche Zahl rauskam, und auch nicht, welcher Würfel.

Nun brauchte Steffen Bogen aber noch das ganze Drumherum. Er erfand das Wettspiel mit den Kamelen, die durch die Wüste wetzen und sich übereinanderstapeln. Klingt alles ganz einfach, doch es dauerte sechs Jahre, bis aus der Würfelmaschinen-Idee das Spiel im Karton wurde. Jedes Spiel hat eine eigene Logik, und die zu finden dauert. "Man muss ganz viel testspielen", sagt Steffen Bogen. "Nur so merkt man, ob ein Spiel funktioniert."

Einiges kann ein Spieleautor selbst prüfen, oft braucht er aber fremde Tester. "Ich beobachte dann genau, was ihnen beim Spielen Spaß macht und was nicht", erzählt der Erfinder. "Wenn ein Kind sich langweilt, dann muss ich etwas ändern. Und wenn etwas zu schwierig ist, natürlich auch." Manchmal geht es ganz schnell. "Wenn ein Kind nach einer Spielrunde 'Noch mal!' ruft, weiß ich, dass es funktioniert", sagt Steffen Bogen. Schnappt Hubi!, ein anderes preisgekröntes Spiel von ihm, bei dem man in einem Labyrinth ein Gespenst fangen muss, war nach eineinhalb Jahren fertig. Meistens tüfteln Spieleautoren aber mehrere Jahre.

Denn selbst wenn sie mit ihrer Erfindung zufrieden sind, sie müssen erst noch einen Verlag überzeugen. So nennt man die Firmen, die Spiele produzieren und sie in die Läden bringen. Steffen Bogen kann ja nicht allein Tausende Würfel- maschinen basteln und sie dann noch im ganzen Land verteilen.

Funktioniert das Spiel schon gut genug? Versteht man die Regeln? Wie groß ist das Spielbrett, und wer soll es bemalen? Welche Form müssen die Spielfiguren haben? Und aus welchem Material sollen sie sein? All das müssen die Redakteure bei den Verlagen beantworten. Auch sie spielen wieder viel, denn oft finden sie noch Dinge, die man verbessern kann. Und dann müssen sie zusehen, dass gebaut, gemalt und gedruckt, verpackt, verschweißt und verschickt wird.

Klappt alles, dann finden wir eine neue bunte Kiste irgendwo in einem Regal. Einen Karton, dessen Zauber sich entfaltet, wenn wir den Deckel hochheben und mit Kamelen um die Wette rasen.

Kann man mit Spielen Mathe und Technik lernen?