Weil Žižek am Marxismus festhält, ist für ihn die Idee der Revolution unverzichtbar. Doch er verkennt, dass der Marxismus heute die Welt weder erklären noch verbessern kann. Wir leben in einer postmarxistischen Zeit.

Die Entfremdung von der Arbeit ist ein zentraler Gedanke des Marxismus. Sie rührt von der Paradoxie her, dass der Arbeiter umso ärmer wird, je mehr Reichtum er produziert. Er kann sich in dem, was er produziert, nicht wiedererkennen, denn sein Produkt wird ihm entrissen: der Gegenstand, den er produziert, gehört ihm nicht. So entfernt er sich von sich selbst. Seine Arbeit ist eine fortgesetzte "Sich-Entwirklichung". Nur eine Revolution kann das Entfremdungsverhältnis beenden.

Diese von Marx beschriebene Entfremdung kennzeichnet allerdings nicht mehr das heutige Arbeits- und Produktionsverhältnis. Im neoliberalen Regime findet die Ausbeutung nicht mehr als Entfremdung und Selbst-Entwirklichung, sondern als Freiheit und Selbst-Verwirklichung statt. Ich beute mich selbst in dem Glauben aus, dass ich mich verwirkliche. So ist auch das erste Stadium des Burn-out Euphorie. Euphorisch stürze ich mich in die Arbeit. Am Ende breche ich zusammen. Ich verwirkliche mich zu Tode. Ich optimiere mich zu Tode. Die neoliberale Herrschaft versteckt sich hinter der illusorischen Freiheit. Ja, sie gibt sich als Freiheit. Die Herrschaft vollendet sich in dem Moment, in dem sie mit der Freiheit zusammenfällt. Diese gefühlte Freiheit ist insofern verhängnisvoll, als sie keinen Widerstand, ja keine Revolution möglich macht.

Mit anderen Worten: Žižek hängt einer marxistischen Illusion an. Er träumt von einer Revolution, die von einer erneuerten Linken angeführt werden soll. Doch aus erschöpften, depressiven Individuen lässt sich keine Protestmasse formen. Dies entgeht Žižek. Gegen Ende seines Essays springt er dann auf eine neue Argumentationsebene und widerspricht sich selbst. Plötzlich ist der islamische Fundamentalismus kein Unterlegenheitssyndrom mehr, er ist vielmehr eine Reaktion auf einen "echten Makel des Liberalismus" selbst. Ganz auf sich allein gestellt, werde sich der Liberalismus nach und nach selbst unterminieren. Einzig eine "erneuerte Linke" vermöge, so Žižek, seine zentralen Werte zu retten. Kurzum, der Liberalismus sei auf die brüderliche Hilfe der radikalen Linken angewiesen. Žižek führt aber überhaupt nicht aus, wie diese "radikale Linke" auszusehen hat. Sie spukt bei Žižek als ein Gespenst.

Das Problem, das mit dem islamischen Fundamentalismus zusammenhängt, ist wesentlich komplexer. Eine radikale Linke würde es nicht lösen können. Sowohl der Islam als auch der Westen sind ein Feindbild. Nach dem Ende des Kalten Krieges, der vom Feind-Schema beherrscht war, kehrt der Feind nun wieder. Žižek lässt aber das Problem der Feindschaft ganz außer Acht.

Was ist der Feind? Der Feind ist bei Carl Schmitt keine soziale, sondern eine existenzielle Kategorie. Ihm spricht Schmitt eine "seinsmäßige Ursprünglichkeit" zu. Mein Feind definiert erst, wer ich bin. Er stiftet eine stabile Identität: "Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt. Aus diesem Grunde muss ich mich mit ihm kämpfend auseinandersetzen, um das eigene Maß, die eigene Grenze, die eigene Gestalt zu gewinnen." Im Liberalismus verschwindet jedoch der Feind. An seine Stelle tritt der "Konkurrent", der keine Identität zu stiften vermag. Die existenzielle Leere aber, die der globale Neoliberalismus verursacht, lässt den Feind wiederkehren. Sowohl Pegida als auch radikale Muslime teilen die Sehnsucht nach dem Feind. Bei den Islamisten ist der Feind der Westen; bei den "patriotischen Europäern" von Pegida heißt er Islam.

Der globale Neoliberalismus baut immer mehr Sicherheit und Verbindlichkeiten ab. Kein Job ist heute sicher. Niemand fühlt sich noch sicher in diesem rein auf Wettbewerb reduzierten System. Viele sind von diffusen Ängsten geplagt, Angst zu versagen, Angst zu scheitern, Angst, abgehängt zu werden. Die Totalvernetzung erzeugt zwar Verbindungen, die überwacht werden, aber sie baut Beziehungen, ja Nähe und Nachbarschaft radikal ab. Nichts hat Dauer und Bestand. Hier entsteht auch eine Sehnsucht nach dem Verbindlichen, dererer sich sowohl der islamische Fundamentalismus als auch der Rechtsextremismus bedient. Hier kann die erneuerte Linke nichts ausrichten, es sei denn, sie bietet einen linken Fundamentalismus auf.

In einem Interview erzählt der französische Schriftsteller Michel Houellebecq, dass die Todesfälle, die er in kurzer Zeit hintereinander erlebt habe, ein Anlass gewesen seien, seinen Roman Unterwerfung zu schreiben. Sein Atheismus habe den Tod seines geliebten Hundes und seiner Eltern nicht verkraften können. Der Verlust sei für ihn kaum auszuhalten gewesen. Auch der Protagonist seines Romans, François, begibt sich, von einer Sehnsucht nach dem Verbindlichen getrieben, auf Sinnsuche. Der ursprüngliche Titel des Romans sollte nicht Unterwerfung, sondern "Bekehrung" heißen. Im ersten Romanentwurf bekehrt sich der Erzähler zum Katholizismus. In der endgültigen Fassung wendet er sich vom dekadenten, erschöpften Abendland ab und wird Muslim.

Was wir heute brauchen, ist eine andere Lebensform, die aber weder rechts noch links ist, eine Lebensform, die Verbindliches und Verbindendes hervorzubringen vermag, ohne dass es eine Form von Gewalt und Ausschluss annimmt, eine Lebensform, in der auch der Spiritualität jenseits der Esoterik als Therapieform, die nur systemverursachte Schäden repariert, Raum gegeben wird, eine Lebensform, in der ein wirkliches Geben, ein wirkliches Teilen jenseits des sharing möglich wird.

Vielleicht muss dieser neuen Lebensform keine Revolution vorausgehen. Ganz im Gegenteil. In seinem berühmten Kafka-Aufsatz schreibt Walter Benjamin: "Im Bucklichen Männlein hat das Volkslied das Gleiche versinnbildlicht. Dies Männlein ist der Insasse des entstellten Lebens; es wird verschwinden, wenn der Messias kommt, von dem ein großer Rabbi gesagt hat, dass er nicht mit Gewalt die Welt verändern wolle, sondern nur um ein Geringes sie zurechtrücken werde."

Byung-Chul Han lehrt Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste Berlin