München leuchtet: Leider hat das schon Thomas Mann geschrieben, sonst würde die Formulierung sich jetzt aufdrängen, angesichts des geradezu absurd blauen Himmels über dieser Dreißiger-Jahre-Villa im nordöstlichen Teil von Schwabing. Sie gehört Wolfgang Beck, und dass der Name nicht jedem Buchliebhaber sogleich etwas sagt, hat auch etwas mit dem diskreten Profil dieses großen deutschen Verlegers zu tun. Michael Krüger (Hanser), Ulla Unseld-Berkéwicz (Suhrkamp), Klaus Wagenbach (Wagenbach), Helge Malchow (Kiepenheuer & Witsch), Alexander Fest (Rowohlt): Deren Gesichter kennen viele, ebenso ihre markanten Stimmen. Sehr leise hingegen redet Wolfgang Beck, Interviews oder Porträts gibt es von ihm so gut wie keine.

Über 40 Jahre lang stand der 73-Jährige an der Spitze des Verlags C. H. Beck und hat dieses traditionsreiche Familienunternehmen still, ruhig und beharrlich zu einem geistigen Eckpfeiler Deutschlands gemacht. Wer sich für Geschichte interessiert, kommt an dem Verlag ohnehin nicht vorbei: Nipperdey, Wehler, Winkler, Osterhammel, Herbert, Stern, Friedländer, allesamt Historiker, die Debatten und Zeitgeist prägten und prägen. Die Autoren, internationale Gelehrte aller möglichen Fächer, verehren den zurückhaltenden Intellektuellen Beck, der vor anderthalb Jahren den 250. Geburtstag seines Unternehmens feiern konnte. Jetzt ist jedoch der Moment des Rückzugs gekommen: Am 1. Februar übernimmt sein 37-jähriger Sohn Jonathan und wird verlegerischer Leiter. Grund genug, Vater und Sohn vor Ort nach dem Erfolgsgeheimnis ihres Verlags und ihrer Familie zu befragen. Jonathan Beck kommt übrigens mit dem Fahrrad.

Der Verlag, das ist vor allem eine Familiengeschichte: Wolfgangs 82-jähriger Bruder Hans Dieter leitet den weitaus größeren juristischen Teil des Verlags, auch da wird irgendwann ein Wechsel anstehen. "Es ist ja eine kleine Verlagsgruppe", befindet Beck in typischem Understatement: rund 600 Mitarbeiter, geschätzte 150 Millionen Euro Umsatz und etwa 1.000 Neuerscheinungen im Jahr. Jeder Jurist braucht den Schönfelder, den Palandt und all die Grundgesetzkommentare, die bei Beck erscheinen – das sorgt für ein solides Fundament der Verlagsgruppe und für den Wohlstand der Brüder als Alleingesellschafter. Es ist ein offenes Geheimnis, dass das Verhältnis der beiden nicht sonderlich herzlich ist – umso erstaunlicher, wie gut ihr Unternehmen gedeiht.

"Zuerst habe ich Medizin studiert, dann haben mich meine Eltern etwas bearbeitet, damit ich in den Verlag einsteige; mein Bruder, der schon eher eintrat, war vorwiegend juristisch orientiert. Aber die Arbeit im Verlag war für mich natürlich auch höchst reizvoll, und ich habe dann Germanistik und Philosophie in Göttingen studiert", erzählt Wolfgang Beck im lichtdurchfluteten Musikzimmer; auf dem Flügel stapeln sich Bücher, beachtliche Kunst hängt an den Wänden, allerdings gibt es auch Spielzeug für die Enkel. Ein halbes Jahrhundert lang hatte der 1973 verstorbene Heinrich Beck den Verlag geleitet, er ließ diese Villa erbauen, holte Autoren wie Oswald Spengler, Heimito von Doderer oder Egon Friedell; auch Albert Schweitzer gehörte dazu. "Mich musstest du weniger bearbeiten", sagt Jonathan Beck zu seinem Vater, "auch mein Studienfach Volkswirtschaft fandest du ganz in Ordnung." Beide haben sie früh im Elternhaus Autoren erlebt, und der Sohn weiß noch, wie er als Junge alle dtv junior-Bände verschlungen hat, die hier in Paketen ankamen.

Einträchtig sitzen Vater und Sohn da in diesem Moment, die sechste und die siebente Generation dieser Verlegerfamilie seit 1763: beide eher schmächtig, ruhige, überlegte Zeitgenossen, gewiss keine Charismatiker, aber spürbar zäh bei der Sache. Seit 2008 arbeitet Jonathan im Verlag, nach vorherigen Stationen in Paris, London und New York; der Wechsel ist seit Langem vorbereitet.