Einen Triumph könnte Alexis Tsipras bald erringen: Die Troika könnte sich auflösen, und nichts ist bei den Griechen verhasster als dieses Dreiergremium aus Vertretern der Europäischen Zentralbank (EZB), des Internationalem Währungsfonds und der Europäischen Kommission. Mit der Troika verhandle man nicht mehr, verkündete die von Tsipras geführte Regierung unmittelbar nach Übernahme der Amtsgeschäfte in Athen. Anfang dieser Woche kamen tatsächlich Signale, dass ein Entgegenkommen in diesem Punkt denkbar wäre. In Brüssel heißt es, EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker denke über Alternativen nach. Und Fachleute verweisen darauf, dass die EZB schon aus rechtlichen Gründen bald die Troika verlassen müsse, wenn sie künftig massiv Staatsanleihen kaufe.

Womöglich triumphiert Tsipras also über ein Gremium von Fachleuten, das zum Symbol der Sparpolitik geworden ist. Quer durch Europa traut man dem griechischen Regierungschef zu, er könne eine neue Ära einläuten: das Ende der Austerität, der Sparpolitik. Oder auch, wie Kritiker sagen, das Ende des deutschen Spardiktats.

In Spanien verkündete der Anführer der Protestpartei Podemos schon siegesgewiss: "Um Angela Merkel wird es einsam." In Italien klagen Politiker fast aller Parteien über teutonischen Sparwahn. Und in Frankreich setzt sich Front-National-Chefin Marine Le Pen an die Spitze derer, die ein Ende der Austerität verlangen.

Wenn die Mehrheit das Sagen hat, dann sagt sie: Die Sparpolitik ist gescheitert. Zu viel wurde den Menschen zugemutet. Zu bitter war die Medizin, vielleicht sogar schädlich, weil Sparen in der Wirtschaftskrise diese Krise verschlimmert.

So klar, wie es die Protestparteien darstellen, liegt der Fall aber nicht. Im Gegenteil: Diverse Länder in Europa haben nach der Finanzkrise einen harten Sanierungskurs eingeschlagen und sind nun wieder auf Wachstumskurs. Das gilt etwa für die baltischen Länder. In Estland schnellte die Arbeitslosenquote für kurze Zeit auf über 19 Prozent hoch, inzwischen ist sie auf sieben Prozent zurückgegangen. Dabei hat der Staat seine Ausgaben zeitweilig stark verringert.

Auch in Staaten, in denen die Troika zu Besuch war, gibt es beeindruckende Fortschritte. Beispiel Irland: Schon seit drei Jahren entstehen neue Jobs – die Arbeitslosenquote sank von über 15 Prozent Anfang 2012 auf zuletzt noch knapp über 10 Prozent. Heute gilt das Land wieder als kreditwürdig und erlebt einen kräftigen Aufschwung. Im vergangenen Jahr dürfte die irische Wirtschaft nach Kalkulation der OECD um rund vier Prozent gewachsen sein, in diesem und dem nächsten Jahr werden jeweils mehr als drei Prozent Wachstum prognostiziert.

Beispiel Portugal: Dort geht die Arbeitslosenquote seit zwei Jahren kontinuierlich zurück. Im Januar 2013 lag die von Eurostat berechnete Quote bei 18 Prozent, inzwischen ist sie auf 13 Prozent gesunken. Das ist immer noch viel, aber das Tempo der Erholung ist enorm – für einen radikalen Kurswechsel spricht das eher nicht.

Auch Spanien hat die Jahre der Rezession hinter sich gelassen. Die Wirtschaft wächst, und dieser Trend soll sich allen Prognosen zufolge noch beschleunigen. Die OECD erwartet in diesem und im kommenden Jahr knapp zwei Prozent Wachstum – mehr als beim Musterschüler Deutschland. Und selbst die griechische Wirtschaft schaffte bereits vor über einem Jahr die Wende und schrumpft ebenfalls nicht mehr, sondern wächst. In diesem und im kommenden Jahr wäre sie nach der Kalkulation der OECD mit Raten von zwei und drei Prozent in Europa sogar ganz vorne mit dabei.

Allerdings ist fraglich, was daraus wird – nach der Regierungsübernahme der neuen Koalition, in der sich Linke und Rechte vom äußersten Rand des politischen Spektrums zusammengetan haben. Werden sie es schaffen, das Wachstum noch stärker zu beschleunigen und die Arbeitslosigkeit schneller abzubauen? Oder werden sie die Erholung beenden?

Griechenland ist ein extremer Fall. Nirgendwo sonst verlor ein größerer Teil der Bevölkerung die Arbeit, und nirgendwo sonst verläuft die Erholung nach der Krise so langsam. Angesichts von massiv gekürzten Renten und Löhnen und noch immer 26 Prozent Arbeitslosen ist die Wut auf die Sparpolitik verständlich.

Warum schaffte Griechenland nicht, was Irland gelang? Mehrere Gründe kommen infrage: Die Sparvorgaben waren zu hart. Tatsächlich hat kein anderes Land seine Ausgaben so stark gekürzt wie Griechenland. Das zeigen Berechnungen der OECD. Die Erwartung, dass die Wirtschaft sich dank Reformen bald erholen würde, waren übertrieben. Manche Gesetzesvorhaben und Privatisierungen kamen auch eher schleppend voran. Vor allem aber war die griechische Volkswirtschaft von Anfang an ein viel größerer Sanierungsfall als zum Beispiel die irische.

Über die Frage, welche Verantwortung die Troika für das Desaster hat und welche auf den Griechen oder ihren politischen Eliten lastet, lässt sich lange streiten. Eine Lösung für die Zukunft ergibt sich daraus noch nicht. Tsipras verlangt, seinem Land einen Teil der Schuldenlast abzunehmen. Zugleich nahm seine Regierung etliche Reformpläne zurück. Sie will den Mindestlohn auf seinen früheren Wert heraufsetzen, fast 10.000 Beamte wieder einstellen und etliche Privatisierungen stoppen. So soll etwa der Hafen von Piräus in Staatshand bleiben. Und das, obwohl Tsipras beklagt, der griechische Staat sei von Korruption und Klientelwirtschaft geprägt – und obwohl private Investoren, die schon einen Teil des Hafens betreiben, es schafften, die Zahl der umgeschlagenen Container zu verdoppeln. Es ist schwer vorstellbar, dass eine Rückkehr zur Staatswirtschaft mehr Erfolg verspricht.

Die Krisenstrategie in Europa, von den Kritikern gern Austerität genannt, bestand nie aus reiner Sparpolitik. Welche Mischung aus Reformen, Haushaltssanierung und Wachstumsimpulsen nötig ist, muss für jedes Land neu entschieden werden. Viele Probleme wurzeln nicht allein in der jüngsten Finanzkrise. Das gilt insbesondere für Italien und Frankreich, die aufgrund ihrer Größe viel bedeutsamer für die Euro-Zone sind als Griechenland. Keine Troika hat ihnen bisher Vorschriften gemacht, doch beide Länder kommen seit Jahren nicht voran. In Frankreich etwa stöhnt das ganze Land über massenhafte Arbeitslosigkeit, aber der Vorwurf, schuld sei die von Deutschland erzwungene Sparpolitik in Europa, trifft nicht.

Tatsächlich bewegt sich die Arbeitslosenquote in Frankreich schon seit mehr als zwanzig Jahren immer wieder um die gegenwärtige Marke von etwa zehn Prozent. Als in Deutschland die Quote zuletzt so hoch war, entschloss man sich hier zu den Hartz-Reformen. In Frankreich dagegen geschieht so gut wie nichts. Dort ist die Misere am Arbeitsmarkt ein Dauerzustand.