"Wir werden Terrierqualitäten brauchen", hatte Heinz Buschkowsky einmal über sein Neukölln gesagt. Und nur fünf Minuten hat Berlins berühmtester Bezirksbürgermeister im Jahr 2002 während der ersten Begegnung mit der damals 24-jährigen Franziska Giffey gebraucht, um in der vergnügten Verwaltungswirtin aus Frankfurt/Oder einen solchen Terrier und seine potenzielle Nachfolgerin zu erkennen. Giffey, die am 15. April ins Neuköllner Rathaus einziehen wird, berlinert zwar nur im Notfall; ein "kontraproduktiv" oder "bußgeldbewehrt" kommt ihr leichter über die Lippen. Aber Terrier kann sie auch: "Wer sein Kind nicht zum Sprachtest bringt, zahlt ein Bußgeld. Schulschwänzen muss Konsequenzen haben. Der Kitabesuch muss sein, Pflicht für alle."

Aber sie sagt das lächelnd, ohne einen Hauch jener Wut, die Buschkowsky aus jedem Knopfloch sprang. Giffey präsentiert eine gefälligere Benutzeroberfläche. Hinter ihrem Schreibtisch in der Neuköllner Boddinstraße, wo sie seit fünf Jahren als Bildungsstadträtin wirkt, hängen Kunstdrucke von aufgehenden roten Blüten, die sicher kein Budget gesprengt haben.

Aus ihrer, wie sie sagt, "sehr glücklichen Kindheit" in der ländlichen DDR, als Tochter einer Buchhalterin und eines Kfz-Meisters, hat sie die Lektion mitgenommen: "Sag offen, wenn etwas nicht gut läuft. Wir stehen immer hinter dir." Geld für gute Noten gab es keins, aber Lob, Rückhalt. So will sie es auch in Neukölln halten, mit den frisch zugewanderten Kindern, die oft noch nie eine Schere in der Hand hatten, wenn sie das erste Mal in die Schule kommen.

Für Integration braucht es manchmal nur einen Menschen: die Nachbarin, die bei den Hausarbeiten hilft, die Lehrerin, die nicht lockerlässt. Franziska Giffeys Traum von Neukölln ist ein Netz aus solchen Leuten. Ihre Vorstellung von bürgernaher Verwaltung lässt sich vielleicht am besten an ihrem Volkshochschulprojekt demonstrieren. Das findet in zwei Einkaufszentren statt, weil viele Neuköllner das Konzept Erwachsenenbildung nicht kennen – also kommt die Schule zu ihnen. Wirbelsäulengymnastik, Sprachkurse oder "Bürger/innen nehmen Einfluss", das sei eben "Bildung im Vorbeigehen", wie Giffey sagt.

In ihrer Haltung zum Islam tickt sie ähnlich wie Buschkowsky. Auch Giffey hat eine Praktikantin abgelehnt, weil die mit Kopftuch arbeiten wollte. "Der Staat hat sich neutral zu verhalten", meint Giffey, die gern Kostüme trägt, das blonde Haar hochsteckt und am Revers das Wappen des Bezirks zeigt. Es schmerzt sie, Mädchen zuzusehen, die auf dem jährlichen Vattenfall-Rennen in knielangen Gewändern laufen. Entsetzt ist sie, wenn Sportlehrer über Forderungen von Eltern berichten, schon Drittklässlerinnen sollten mit Verweis auf den Koran nicht gemeinsam mit ihren Klassenkameradinnen duschen. "Das gibt es nicht", sagt sie. "Das Duschen gehört dazu. Ich bringe das meinem fünfjährigen Sohn auch bei." Neukölln trägt die "rote Laterne", eine zweifelhafte Auszeichnung für den Bezirk mit den niedrigsten Schwimmerzahlen nach der dritten Klasse. "Das sind Techniken fürs Leben", meint Giffey. "Es kann doch nicht sein, dass wir so lange für Gleichberechtigung gekämpft haben und das jetzt einfach drangeben."

Die mit Abstand größte Zahl der jetzigen Zuwanderer Neuköllns kommt aus Südosteuropa. Als jeden Monat eine neue Schulklasse von Kindern zu betreuen war, ist Giffey kurzerhand nach Rumänien gefahren. Sie wollte sehen, wie die Kinder dort aufwachsen, welche Diskriminierungen sie erleben. Es ärgert sie, wenn über "Rotationseuropäer" oder "Einwanderer in die Sozialsysteme" gelästert wird. "Das sind EU-Bürger", sagt Giffey. "Sie haben ein Recht, hierherzukommen und ihr Glück zu versuchen."

In die SPD ist die promovierte Politologin 2007 eingetreten, "man stößt sonst in der Verwaltung einfach an seine Grenzen, und ich will doch was bewegen". Die Konflikte, die sie in der Partei hat, gleichen denen ihres Amtsvorgängers: Nicht jeder schätzt den Ansatz, Integrationsversagen beim Namen zu nennen – und sei es der Name der eigenen Behörde –, Sanktionen zu verhängen, wenn wichtige Dinge nicht klappen, oder Leistungsdenken in der Behörde zu honorieren. Aber sie will für Neukölln etwas Neues. Ihr Lieblingsfilm, sagt die künftige Bürgermeisterin Neuköllns, sei Die fabelhafte Welt der Amélie – eine Geschichte, in der eine Frau die grauen Verhältnisse um sich herum durch die Kraft ihrer Gedanken zum Tanzen bringt.