Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen." Diese 135 Zeichen der Kölner Schülerin Naina bescherten uns im Januar ein Twitter-Gewitter. Das ist gut, denn nach Jahren des Ringens um die beste Methode des Unterrichts fokussiert sich die Diskussion endlich wieder auf den Gegenstand, auf die Frage: Was soll ich unterrichten?

Dafür sollten wir Lehrkräfte Naina dankbar sein. Die ewige Debatte um die beste Unterrichtsmethode erinnerte mich schon lange an Bildhauer und Kunstkritiker, die darüber streiten, welche Meißel zur Bearbeitung der Steine wohl am besten geeignet seien. Das eigentliche Werk, in unserem Fall die Bildung der Jugend, wurde durch viele rein methodische oder organisatorische Reformen im Schulsystem fast aus den Augen verloren.

Natürlich sind didaktisch-methodische Überlegungen wichtig für guten Unterricht. Für eine umfassende Bildung sind aber die Inhalte entscheidend. Welche unerlässlich und welche entbehrlich sind, ist eine interessante gesellschaftliche Frage, die Naina mit wenigen Worten angestoßen hat.

Dafür gilt es, auch Nainas Deutschlehrkräften zu danken. Schließlich haben sie ihrer Schülerin beigebracht, wie man eine Botschaft so verdichtetet, dass sie Wirkung zeigt. Ihr Tweet ist ein Gedicht. Da haben die vielen Gedichtanalysen wohl keinen Schaden angerichtet, sondern fürs Leben genützt.

Vermutlich möchte Naina gar nicht in die Tiefen des Steuerrechts, die komplexen Finanzprodukte unserer Banken oder die Feinheiten von Mietverträgen vorstoßen. Sie möchte nur besser auf das Leben vorbereitet werden. Doch dieses Leben ist dummerweise sehr variabel und kompliziert. Wer kann vorhersagen, was ein 14-Jähriger von heute in zehn, zwanzig Jahren in seinem Alltag braucht? Gibt es überhaupt den 14-Jährigen?

Eine spontane und statistisch nicht abgesicherte Umfrage zu Nainas Tweet in der Mensa unserer Schule zeigt, dass viele unserer Schützlinge die Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Experimenten, mathematischen Schlüssen oder sprachlichen Finessen durchaus mögen und sie keineswegs gegen die Formulierung von Mietverträgen eintauschen wollen.

Bildung kann ein mühseliges, kräftezehrendes Graben in die Tiefe des Wissens sein, eine anstrengende Suche nach Erkenntnis. Natürlich haben Schülerinnen und Schüler mehr Spaß am Chillen und am Zocken mit dem Handy als am Lösen von Redoxgleichungen oder Auslegen von Texten. Aber nicht alle Jugendlichen sind gelangweilte WhatsApp-Junkies. Viele lassen sich begeistern und wollen lernen, unabhängig davon, ob sie den Stoff jemals in ihrem Leben brauchen werden.

In den vergangenen Jahren hatte ich das Vergnügen, mit sieben Kollegen im Projekt Mission2Mars Unterrichtseinheiten zu planen, die Inhalte des bayerischen Lehrplans in Biologie, Chemie und Physik fächerübergreifend am Beispiel einer bemannten Marsmission erarbeiten. Mit großem Eifer bereiteten Achtklässler Experimente für eine Expedition vor, die sie nie selbst unternehmen werden. Sie errechneten, wie viel Essen sie auf die Reise mitnehmen müssten, und stellten fest, dass Bakterien eine gute Nahrungsquelle wären. Aus Bäckerhefe und ein paar Plastikteilen bauten sie eine Brennstoffzelle zur Gewinnung elektrischer Energie und optimierten ihren Versuchsaufbau, obwohl ihre eigenen Handys effizientere Ladegeräte haben.

Diese individuelle Erfahrung zeigt, dass sich Schule keineswegs immer nur auf Alltagsprobleme fokussieren muss, um Schüler für ein Fach, eine Idee, einen Wertekanon zu gewinnen.

Begeisterung ist das Salz in der Bildungssuppe, aber ein Teller Salz macht nicht satt. Lehrkräfte sind keine Animateure. Sie begleiten ihre Schülerinnen und Schüler auf einem langen, manchmal schweren Weg zur persönlichen Reife. Zum Unterricht gehört auch beinhartes Üben von Grundtechniken oder Auswendiglernen von Fachwissen und Vokabeln. Bildung ist nicht ohne Anstrengung zu haben.

Ein junger Mensch braucht zum Start ins Leben sowohl Methoden, um Entscheidungen in unbekannten Situationen zu treffen, als auch ein Fundament an Erfahrungen und Wissen, auf das er aufbauen kann.

Ist das heute vermittelte Schulwissen alltagstauglich? Auf jeden Fall. In den vergangenen Jahren hat sich viel getan. Moderne Lern- und Prüfungsaufgaben, besonders in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern, konfrontieren die Schülerschaft mit ihr unbekannten Alltagsproblemen. Von der Herstellung moderner Kunst- und Farbstoffe über die Wahrscheinlichkeit der Vererbung genetischer Veränderungen bis hin zur Funktionsweise von Metalldetektoren reichte im Jahr 2014 die Palette bayerischer Abiturthemen in den naturwissenschaftlichen Fächern.

Allerdings kann dieser Alltag manchmal ganz schön kompliziert sein. Oft ist es leichter, sich Grundprinzipien an einem einfachen Modell anzueignen und diese erst dann auf realistische Situationen anzuwenden.

Naina scheint zu fürchten, dass ihre in der Schule erworbenen Fertigkeiten nicht ausreichen, um in Zukunft zu bestehen. Ob eine mehr ökonomisch ausgerichtete Bildung ihre Ängste mildern könnte? Ich bezweifle es. Habt Mut, möchte ich den Jugendlichen zurufen. Ihr werdet euer Leben meistern. Probiert euch aus.

Dabei helfen könnte vielleicht ein Fach, das den Jugendlichen Lebensentwürfe zeigt, an denen sie sich orientieren können. Sei es die Freude an einer außergewöhnlichen Naturbeobachtung, einer gelungenen Formulierung in einem Text oder dem Genuss eines Kunstwerks. All dies trüge wahrscheinlich mehr zur Zufriedenheit im Leben bei als das Ausfüllen eines Mietvertrages.

Der Lehrer Thomas Gerl, der uns diesen Text schickte, unterrichtet am Ludwig-Thoma-Gymnasium in Prien am Chiemsee. Die Fächer des 43-Jährigen sind Biologie, Chemie und Technik. Sein Beitrag ist die Antwort eines Pädagogen auf den Tweet der Kölner Schülerin Naina. Mitte Januar hatte sie beklagt, in der Schule zu wenig Praktisches zu lernen, was uns Anlass zu einer Debatte war.

Den Anfang machte vor zwei Wochen unser früherer Feuilleton-Chef Ulrich Greiner. Er warb für vermeintlich unnütze Fächer wie die Künste und die alten Sprachen, die nötig seien, um den Sinn für Ästhetik zu schärfen: "Schönheit muss man lernen." Ihm widersprach letzte Woche Yascha Mounk. Der Harvard-Dozent lebt ganz gut mit Erstsemestern, die nicht wissen, was die Französische Revolution war: "Allgemeinbildung ist überschätzt." Er zieht lebendiges Lernen dem Pauken von Geschichte vor.

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