Dieses Buch besteht an zentraler Stelle aus nichts. Ein Loch, etwa konfettischnipselgroß, klafft ziemlich in der Mitte des ansonsten zitronengelben Buchdeckels, es geht durch alle Seiten hindurch – wenn man das Buch auf den Tisch legt, kann man zu selbigem hindurchblicken. Das Loch ist denn auch der Titel dieses Bilderbuchs, dessen Held rund, tief und ziemlich unfassbar ist. Ein Nichts eben, ein Loch.

Außer dem Loch tritt eine Maus in Erscheinung. Mäusen sagt man ja gemeinhin nach, in Löchern zu wohnen. Diese Maus bildet eine Ausnahme, denn gerade zieht sie mit einigen Kartons in eine neue, noch unmöblierte Wohnung. Sie ist ohnehin eine sehr vermenschlichte, auf zwei Beinen laufende Maus. Und als sie einen Moment lang ausruht und sich auf einen ihrer Umzugskartons setzt, entdeckt sie neben der Tür das Loch. Die Maus erschrickt sehr: "Was ist denn das?" Sie geht durch die Tür auf die andere Seite der Wand ins Badezimmer, will das Loch von dort aus anschauen. "Hä?" Da ist nichts. Das Nichts, das sie sucht, das Loch, ist längst woanders.

Dem Leser, dem kindlichen wie dem erwachsenen, geht es fortan wie der Maus: Mit jedem Umblättern sucht er das Loch. Mal findet es sich im Fußboden (dann stolpert die Maus spektakulär darüber), mal in der Tür der Waschmaschine. Schließlich versucht die Maus, das Loch mit allerlei Tricks in einem ihrer Umzugskartons einzufangen und zur Untersuchung in ein großes Labor zu bringen.

Dass etwas sehr Nichtiges einen verrückt machen kann, weiß jeder, der sich schon mal im Dunkeln gegruselt hat oder der abends im Bett Geräusche zu hören glaubte, die gar nicht da sein konnten. Die Maus möchte ihr Unbehagen an dieser Unfassbarkeit einfangen, aber wie lässt sich nichts fangen? Geschweige denn untersuchen? Gibt es das Loch überhaupt? Es sind philosophische Fragen, die der mehrfach preisgekrönte norwegische Bilderbuchkünstler Øyvind Torseter mit seinem durchlochten Buch aufwirft.

Seine Maus wirkt dabei, mit wenigen Strichen scheinbar schnell auf das Papier geworfen, so ausdrucksstark, dass man sich selbst in ihr erkennt. Genauso – auch so komisch – sehen wir Menschen aus, wenn wir uns erschrecken, hasten, uns mit nichts abmühen. Großartig, wie Torseter die Maus an einer Kreuzung zeichnet: Sie ist auf dem Weg zur Untersuchung, glaubt das Loch sicher im Karton verschlossen, steht an der Ampel und muss auf den Knopf drücken, damit diese grün wird. Damit der Karton mit der wertvollen Fracht nicht herunterfällt, klemmt sie ihn zwischen Kinn und angezogenes Knie, balanciert wie ein Seiltänzer am Straßenrand und merkt doch nicht, dass das Loch längst entfleucht ist. Es sitzt an dem Ort, der die Maus aus ihrer unbequemen Haltung erlösen kann: da, wo es eigentlich gleich grün werden sollte.

Erwachsene und Kinder können sich in diesem Buch selbst sehen und vieles andere entdecken. Das Interessante an Torseters Bilderbuch ist dabei, dass sich das Loch selbst selbstverständlich kein einziges Mal von der Stelle bewegt. Dick und fett sitzt es mittig auf jeder Seite, es sind die Gedanken der Maus, es ist ihr Aktionismus, der die Handlung vorantreibt. Eben wie im wirklichen Leben. Und auch hier gilt ja, dass die wichtigen und schönen Dinge eigentlich nicht zu greifen sind.