ZEIT: Ich habe bei vielen Mathematikern den Eindruck, dass sie ständig halb in einer Parallelwelt leben. Ein Teil ihres Geistes ist stets mit einem mathematischen Problem beschäftigt. Manche kommen gut mit diesen zwei Realitäten zurecht und andere weniger.

Frenkel: Das ist eine sehr gute Beschreibung. Ich glaube, dass wir dabei auf gewisse Weise eine Verbindung zu einer anderen Wirklichkeit herstellen, wir müssen den Spagat zwischen diesen beiden Welten aushalten. Und manchmal bleiben wir zu lange in der anderen Welt.

ZEIT: In Ihrem Buch steht der Satz: "Wo es keine Mathematik gibt, gibt es auch keine Freiheit." Große Worte. Was meinen Sie damit?

Frenkel: Der spielt an auf den berühmten deutschen Mathematiker Georg Cantor. Dessen Arbeiten über die Unendlichkeit und die Mengenlehre wurden nicht akzeptiert, was ihn sehr quälte und unglücklich machte. Die Leute sagten: Das kannst du nicht tun! Doch, kann ich, sagte er, weil das Wesen der Mathematik in ihrer Freiheit liegt. Innerhalb ihrer Regeln bist du völlig frei, und nichts kann dich aufhalten. Und ich sage, dass die Umkehrung auch stimmt, dass es ohne Mathematik keine Freiheit gibt. Mathematik wird heute auch benutzt, um die Freiheit einzuschränken. Schauen Sie sich etwa an, wie die NSA Hintertüren in Verschlüsselungsalgorithmen einbaut. Wenn wir nicht aufwachen, wenn wir nicht beginnen zu erkennen und wenn wir nicht aufhören, vor der Mathematik wegzulaufen, wird uns das wieder und wieder passieren.

ZEIT: Sie wurden an der Moskauer Universität nicht zugelassen, weil Ihr Vater Jude war.

Frenkel: Die MechMath-Abteilung an der Universität Moskau war das Topinstitut für die reine Mathematik. Ich bewarb mich dort, aber zu dieser Zeit war es die inoffizielle Politik der Universität, keine jüdischen Studenten aufzunehmen, in meinem Jahrgang wurde kein einziger zugelassen – wir reden hier vom Jahr 1984!

ZEIT: Sie wurden wegen Ihrer Religion vom Studium der Mathematik ausgeschlossen?

Frenkel: Nicht offiziell. Sie unterwarfen unerwünschte Bewerber einer sehr unfairen Prüfung. Normalerweise wäre man aus der mündlichen Prüfung nach 15 Minuten wieder draußen gewesen, in meinem Fall hat sie mehr als vier Stunden gedauert. Sie verwehrten dir nicht nur den Zugang, sondern wollten dich auch psychologisch brechen. Da habe ich mir gesagt: Diese Welt ist sehr ungerecht, ich vertraue ihr nicht.

ZEIT: Sie haben dann ironischerweise gerade Zuflucht in der Mathematik gesucht.

Frenkel: Ja, ich hatte diese schöne, ideale, perfekte Welt der Mathematik gefunden, dort wollte ich leben. Ich war überzeugt: Hier kriegen mich diese Leute nicht.

ZEIT: Sie sind ein Platoniker – Sie behaupten, die Mathematik lebe nicht in der Wirklichkeit und auch nicht in unseren Köpfen, sondern in einer eigenen Welt. Wo befindet sich diese Welt?

Frenkel: Es gibt viele mathematische Konzepte, die keine bekannte Verbindung zur physischen Welt haben.

ZEIT: Aber wie überwinden Sie die gewaltige Distanz zwischen bestimmten Bereichen der Mathematik und unserem Alltagsverständnis?

Frenkel: Um eine geistige Brücke zu bauen, haben wir zwei Möglichkeiten: entweder ist die Mathematik unsere Erfindung. Oder sie existiert woanders, und wir verbinden uns mit ihr auf eine geheimnisvolle Weise. Im 17. Jahrhundert hätten die Leute die zweite Variante viel eher akzeptiert als heute. Die Leute sagen, es sei gespenstisch anzunehmen, dass etwas außerhalb unserer Wirklichkeit existiert.