Wenn alles gut geht, ist das, was sich dieser Tage vor unser aller Augen abspielt, der Anfang vom Ende der Europäischen Währungsunion. "Scheitert der Euro, so scheitert Europa", so die Kanzlerin, als es darum ging, den Wählern einen dieser unsäglichen "Rettungsschirme" für die europäischen Banken zu verkaufen. Umgekehrt wird nun ein Schuh daraus. Der Euro ist dabei, Europa zu zerstören. Scheitert der Euro – aber das muss bald geschehen! –, könnte es sein, dass Europa am Ende doch nicht scheitert. Sicher freilich ist das nicht; zu tief sind die Wunden, die die Währungsunion schon geschlagen hat.

Mit der Übernahme der griechischen Regierung durch die linke Syriza im Bündnis mit einer rechtsradikalen Splitterpartei könnte das monströse Projekt, unterschiedlichen Wirtschaftsgesellschaften eine gemeinsame Währung aufzupfropfen, endlich sein verdientes Ende finden. Was hatte man nicht alles versucht! Erst die grauen Technokraten aus der Welt der privaten und staatlichen Geldbürokratien, Monti und Papademos, an die Stelle gewählter Regierungen gesetzt, bis sie nach kurzer Zeit von ihren demokratisch verfassten, undankbaren Völkern nach Hause geschickt wurden – Monti, nachdem er den Italienern im Wahlkampf in Aussicht gestellt hatte, sie zu Deutschen zu machen. Nach ihm kam Letta, ein europhiler Funktionär, und auf Papademos folgte eine große Koalition der beiden korrupten Klientelparteien, Nea Dimokratia und Pasok, die das Land mit Brüsseler und New Yorker Hilfe in den Abgrund geritten hatten.

Letta ist nun schon länger verschwunden, ersetzt durch einen mit allen Wassern gewaschenen Öffentlichkeitsarbeiter, Renzi, und Samaras und Venizelos, die Athener Blues Brothers, sind ihrer Nemesis in Gestalt von Alexis Tsipras und seiner neuen und neuartigen Partei begegnet. In Griechenland wie in Italien ist die Ära der europäischen Fügsamkeit damit für immer vorbei: Die nationalen demokratischen Institutionen, was immer man sonst an ihnen auszusetzen haben mag, haben die Brüsseler Implantate abgestoßen. Und so wird es weitergehen, spätestens wenn in Spanien die Schwesterpartei von Syriza, Podemos, den ebenfalls zutiefst korrupten Partido Popular in die Wüste schickt.

Was genau bei den nun begonnenen Verhandlungen herauskommen wird, kann niemand wissen. Darüber, ob Griechenland im Euro bleiben oder aus ihm austreten soll, ist Syriza uneins – aber selbst wenn das Ziel der Austritt wäre, würde man das jetzt klugerweise nicht sagen. Welche Karte die griechische Regierung am Ende ziehen kann und wird, muss sich herausstellen: Möglich ist vieles, von einem russischen Kredit bis hin zu einem finanziellen Selbstmordattentat in Gestalt eines formellen Staatsbankrotts. Auf der Gegenseite schwören Italien und Spanien, dass sie hinter der gemeinsamen Reform- und Rettungspolitik stehen – klar ist aber, dass sie sämtliche Konzessionen, die Griechenland für sich aushandeln wird, auch für sich selber beanspruchen werden. Das wird dann für den Norden, namentlich Deutschland, richtig teuer. Syriza als Minenhund, der erkundet, wie weit Deutschland zu gehen bereit ist, um die Währungsunion zusammenzuhalten?

Vielleicht gelingt es den Brüsseler Verhandlungskünstlern ja, Griechenland irgendwie mit einer Kombination von Belohnungen und angedrohten Strafen vorerst stillzustellen und den Euro so über den Sommer zu bringen. Und vielleicht hätte das den erwünschten Nebeneffekt, Syriza zu spalten und den Ruf des Bündnisses bei seinen Wählern zu ruinieren. Aber jeder weiß heute schon, dass damit auf mittlere Frist nichts gewonnen wäre. Die Atempause wird eine kurze sein, auch wenn es noch einmal gelingen sollte, den Kompromiss irgendwie an den nordeuropäischen Wählern vorbeizuschleusen.

Mit einer fiskalischen Sanierung Griechenlands, wenn sie denn zustande käme, und der dann unvermeidlichen Sanierung der anderen Schuldnerländer ist nämlich nichts gewonnen. Selbst wenn die griechische Wirtschaft sich auf ihrem jetzigen Niveau stabilisieren würde, blieben die durch die "Reformen" – die innere Abwertung unter dem De-facto-Goldstandard der Währungsunion – entstandenen gigantischen Disparitäten zwischen Nord- und Südeuropa bestehen. Dasselbe würde für Italien und Spanien gelten, wenn sie sich nach den Auflagen der EZB und der EU "wettbewerbsfähig" machen würden.

Die Folge wären Forderungen nach einem Ausgleich durch Umverteilung oder "angekurbeltes" Wachstum in Gestalt von Krediten oder regionalpolitischen Strukturhilfen, mindestens zur Wiederherstellung der Relationen aus der Zeit vor Krise und Rettung: ein auf die Ebene zwischenstaatlicher Beziehungen verlagerter Verteilungskonflikt. Forderungsadressat wäre Deutschland, zusammen mit ein paar kleineren Ländern wie den Niederlanden, Österreich und Finnland – Frankreich träte als "Vermittler" auf. Egal, ob als Ausgleichsleistungen zur Behebung der Krisen- und Krisenbekämpfungsschäden im Namen europäischer Solidarität, als Eintrittsgebühr für gesicherten Marktzugang oder als verspätete Reparationen gefordert und geleistet – im Vergleich dazu wären die alten Sozial- und Strukturfonds der EU nicht mehr als Peanuts.

Damit begänne ein Dauerkonflikt, an dem Europa zerbrechen würde. Deutschland, der Norden könnte sich den zu erwartenden Verhandlungen nicht entziehen. Innerhalb der Währungsunion würden Entscheidungen, mehr noch als schon jetzt, laufend unter dem Gesichtspunkt ihrer internationalen Verteilungswirkung öffentlich durchgerechnet. Die Südländer müssten für ihren Verzicht auf monetäre Souveränität und damit auf die Möglichkeit einer externen Abwertung entschädigt und in die Lage versetzt werden, die Folgen ihrer durch neoliberale "Reformen" vollzogenen internen Abwertung zu mildern und langfristig auszugleichen, schon zur Verhinderung einer politischen Rebellion ihrer Bürger oder ihrer Regierungen nach außen.

Der Norden – Brüssel, Berlin – würde als Gegenleistung für seine als Wachstumsprogramme, regionalpolitische Kredite oder Zuschüsse zu Infrastrukturinvestitionen ausgewiesenen Ausgleichszahlungen darauf bestehen müssen, deren Verwendung mitbestimmen und überwachen zu können. Geld gegen Kontrolle, in einem Verband souveräner europäischer Nationalstaaten! Abzusehen ist, dass die Geldgeber die ihnen abverhandelten Zahlungen für zu hoch und die ihnen eingeräumte Kontrolle für unzureichend halten werden, während den Empfängerländern das Geld als zu wenig und die verlangten Einschränkungen ihrer Souveränität als demütigend erscheinen werden.

Den hier aufscheinenden Strukturkonflikt, in welchen wechselnden Formen er sich auch immer manifestieren mag, wird es so lange geben, wie es die Währungsunion geben wird. Wenn diese nicht an ihm zerbricht, weil die Regierungen stur an ihrem "frivolen Experiment" festhalten oder der deutsche Exportsektor, vom deutschen Euro-Idealismus mit ideologischen Begründungen versorgt, glaubt, bis zum Endsieg an seiner "europäischen Idee" festhalten zu müssen, dann wird Europa an ihm zerbrechen. Die schnellstmögliche Beendigung der Währungsunion in ihrer derzeitigen Form liegt deshalb vor allem auch im deutschen, wenn nicht wirtschaftlichen, dann jedenfalls politischen Interesse.

In den Ländern des Mittelmeerraums, auch in Frankreich, war Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr so verhasst. Wahlen werden dort nur noch gegen Deutschland und die Kanzlerin gewonnen, auf der Rechten wie auf der Linken. Die Geldspritze der Europäischen Zentralbank vom Januar hat nur eines sicher bewirkt: ein Triumphgefühl in Südeuropa über die deutsche Niederlage im EZB-Rat. Der Held Italiens heißt Mario Draghi, seinen neoliberalen Überzeugungen und seiner Goldman-Sachs-Vergangenheit zum Trotz, weil er, so wird das gesehen, die Deutschen überlistet und gedemütigt hat. Wer immer nur in Deutschland gelebt hat und die italienische Sprache nicht versteht, hat keine Ahnung von der emotionalen Verheerung, die der Euro im Verhältnis der beiden Länder zueinander angerichtet hat.