DIE ZEIT: Frau Kaddor, wie reagieren Ihre Schüler im islamischen Religionsunterricht auf Terrorakte wie die in Paris?

Lamya Kaddor: Ohnmächtig und verwirrt. Da töten zwei Islamisten elf Journalisten, aber auch einen muslimischen Polizisten. Das kann ein 14-Jähriger in Dinslaken nur schwer verstehen. In den unteren Klassen musste ich erst die Frage stellen, wer überhaupt den Unterschied zwischen Muslim und Islamist kennt.

ZEIT: Und?

Kaddor: Kaum einer kannte den. Selbst von der Terrororganisation "Islamischer Staat" hatte unter den Kindern noch niemand etwas gehört – was ich wiederum beruhigend fand.

ZEIT: Andere Schüler aus Dinslaken sind nur wenige Jahre nach ihrem Schulabschluss für den "Islamischen Staat" in den Krieg gezogen.

Kaddor: Ja, und fünf davon waren mal in meinem Unterricht. Das empfinde ich auch als persönliche Niederlage. Ich hätte es damals niemals für möglich gehalten. Die fünf waren auf Partys, haben das gemacht, was andere in ihrem Alter auch tun – sie waren absolut weltlich. Und plötzlich höre ich, die Jungs sind in Syrien.

Der Verfassungsschutz schätzt, dass aus Deutschland 550 militante Islamisten in den Dschihad nach Syrien gezogen sind. Aus dem Dinslakener Stadtteil Lohberg, 6.000 Einwohner, hoher Migrantenanteil, hohe Arbeitslosigkeit, waren es 16, die "IS-Brigade Lohberg".

ZEIT: Können Sie sich vorstellen, dass Schüler, die jetzt in Ihrem Unterricht sitzen, in den Dschihad ziehen?

Kaddor: Ich kann es leider nicht ausschließen.

ZEIT: In diesen Tagen erscheint Ihr Buch Zum Töten bereit. Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen. Ja, warum?

Kaddor: So ein Entschluss hat weniger mit religiöser Überzeugung als mit sozialen Problemen zu tun. Viele haben einen schlechten oder keinen Schulabschluss und so kaum eine Perspektive in dieser Gesellschaft. Zugleich gieren sie nach Anerkennung. Die Jugendlichen sind orientierungslos, haltlos, wissen wenig über ihren Glauben. Es gibt einen religiösen Analphabetismus, den man sich kaum vorstellen kann. Viele bezeichnen sich zwar als gläubig, doch selbst die Grundlagen ihrer Religion sind ihnen fremd. All das macht sie leicht verführbar. Das wissen die Salafisten. Sie suchen die Treffpunkte dieser Jugendlichen auf und bieten ihnen ihre Ideologie an.

Bülent Ucar: Wir müssen vorsichtig sein mit solchen Erklärungen. Es sollte nicht der Eindruck entstehen, wir wollten das Verhalten dieser jungen Männer entschuldigen. Gewalttaten lassen sich durch keine noch so schlechten sozialen Umstände rechtfertigen.

Kaddor: Ich rechtfertige nichts, sondern erläutere Mechanismen der Radikalisierung. Diese jungen Leute stecken in einer Lebenskrise. Dann kommt jemand, der ihnen eine Erklärung für ihre beschissene Lage gibt, nämlich die angebliche Unterdrückung der Muslime im Westen. Und er bietet ihnen eine vermeintliche Zukunft: "Schließt du dich uns an, bist du auf der sicheren Seite. Wir stehen zu dir. Du bist dann etwas Besseres als die anderen, die Ungläubigen." Da hört so ein Jugendlicher zu. Würde er sich in unserer Gesellschaft angenommen fühlen, wäre das weniger der Fall.

Ucar: In erster Linie ist die familiäre Lage, dann die Bildungssozialisation eine zentrale Ursache. Zerbrochene Familien kennen wir mittlerweile auch unter Muslimen. Hinzu kommt die fehlende religiöse Bildung der meisten Eltern, die auf die Fragen ihrer Kinder keine passenden Antworten wissen. Sie merken oft viel zu spät, dass ihre Kinder in die extremistische Szene abdriften.

Kaddor: Kürzlich saßen Eltern vor mir, deren Töchter nach Syrien wollten. Innerhalb eines Jahres hatten sich die beiden radikalisiert. Sobald sie das Haus verließen, trugen sie einen Vollschleier. Sie hatten sich über Skype verheiraten lassen.

ZEIT: Was bewegt diese Mädchen?

Kaddor: Ich nenne es Dschihad-Romantik. Die Mädchen opfern sich für die Sache Gottes, indem sie zukünftigen Märtyrern den Rücken stärken. Manche verstehen den Schritt auch als Auflehnung gegen das traditionelle Elternhaus, das sie allzu sehr in ihrer Entfaltung einschränkt.

ZEIT: Und fügen sich in eine Rolle, die noch viel rückständiger ist?

Kaddor: Richtig. Einerseits ist es eine Trotzreaktion, andererseits entdecken sie in salafistischen Gruppen eine Art Gleichberechtigung.

ZEIT: Wie das denn?

Kaddor: Die strikten Regeln der Salafisten gelten für den Mann wie für die Frau. Ihr sind Dinge verboten, ihm aber auch. Anders als in Familien, in denen ein Sohn fast alles darf, während die Tochter genauestens kontrolliert wird.

Ucar: Jede einzelne Erklärung greift zu kurz. Auch erlittene Diskriminierung spielt eine Rolle, über die alltägliche Ausgrenzungserfahrung durch Rechte auf der Straße hinaus. Die Schule hat einen Nachholbedarf in religiöser Vielfalt. Die Schüler haben das Gefühl, anders behandelt zu werden als ihre biodeutschen Klassenkameraden.

ZEIT: Eine etwas andere Behandlung ist noch keine Diskriminierung.

Kaddor: Dass es Menschen mit Migrationshintergrund ungleich schwerer haben, etwa wenn es um Ausbildungsplätze geht, wissen wir aus vielen Studien. Persönliche Diskriminierung empfindet jeder anders. Meine erste Schulstunde begann damit, dass mich eine Kollegin der Klasse mit den Worten vorstellte: "Das ist Frau Kaddor, und jetzt achtet mal darauf, wie gut die Deutsch spricht." Dabei wusste sie, dass ich hier geboren bin. Wenn ich als Lehrerin solche Erfahrungen mache, können Sie sich vorstellen, was meine Schüler mitunter erleben.

ZEIT: Vom Gefühl der Ausgrenzung ist es noch ein weiter Weg zu radikalem Salafismus.

Kaddor: Natürlich. Wir reden im Moment ja auch nur über die Anfänge der Radikalisierung. Machen Sie sich mal den Zwiespalt vieler Muslime klar: Sie fühlen sich selbst irgendwie als Opfer, werden aber in der Öffentlichkeit als Angehörige einer Täterreligion dargestellt.