Dem FDP-Vorsitzenden Christian Lindner haben in den vergangenen Tagen mehr Menschen zugehört und applaudiert, als es FDP-Wähler gibt. Mehr als zwei Millionen Menschen haben seine Rede über die Schwächen der deutschen Digitalwirtschaft angesehen und sie tausendfach via Twitter und Facebook empfohlen. Jedes relevante Mitglied der deutschen Internetgemeinde hat Lindner inzwischen gelobt. So gut war seine Rede.

Was an dieser Rede fasziniert, ist erst mal das Versprechen, das in ihr steckt: Da ist einer, der einen digitalpolitischen Bogen schlagen kann, von der Bildung über die Freiheit bis zum Unternehmertum. Einer, der selbst mit einem Start-up gescheitert ist, aber gerade deswegen für mehr Gründermut plädiert.

Zugleich hat diese Rede aber etwas Frustrierendes: Wieso denkt und spricht nur ein politisch Ohnmächtiger so klar? Zieht seine Partei in ein paar Wochen in Hamburg nicht in die Bürgerschaft ein, wird kaum jemand mehr auf einen Wiedereinzug in den Bundestag wetten.

Lindner hat im Düsseldorfer Landtag getan, was kein Bundesminister von CDU und SPD gewagt hat und was keinem Mitglied der Piratenpartei je gelungen ist: Er hat die digitalpolitische Tatenlosigkeit der Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und der Volksparteien in Berlin leidenschaftlich und mit Humor vorgeführt. In Anspielung auf das industriepolitische Leitbild "Industrie 4.0" sagte Lindner: "Sie haben 4.0 versprochen, geliefert haben Sie viermal null." Gemünzt hat Lindner das auf die letzten vier Jahre NRW-Landespolitik. Er hätte es aber genauso auf die vier zuständigen Bundesminister der großen Koalition anwenden können. Seit der Bundestagswahl hat sich der Breitbandausbau in Deutschland nicht beschleunigt. Es fließen keine zusätzlichen Milliarden in Informatik- und Mathematik-Studiengänge. Der Entwurf für ein IT-Sicherheitsgesetz muss noch durch Parlament und Bundesrat. Die Aufarbeitung der flächendeckenden Spionage durch den US-Geheimdienst NSA stockt, und die Regierung tut sich nicht als treibende Kraft hervor, die EU-Datenschutzgrundverordnung endlich zu verwirklichen. Stattdessen schwadronieren Minister wieder von der Vorratsdatenspeicherung.

Eine digitalpolitische Linie ist nicht erkennbar, auch weil die Aufgaben auf vier Ministerien verteilt sind: auf Wirtschaft, Inneres, Justiz und Verkehr. So kann sich keiner als Digitalminister profilieren.

In dieser Situation brauchte Linder nur eine halbe Stunde, um sich zu empfehlen – und ein Leitbild für die deutsche Digitalpolitik zu formulieren. Neben Bürgerrechten spielte darin vor allem das Bild von der Garage eine Rolle: In den USA, so Lindner, gründeten Abgänger von Eliteuniversitäten ihre Firmen in der Garage. Im Gegensatz dazu gebe es in Deutschland erstens keine solchen Eliteuniversitäten. Und zweitens zu wenige Absolventen in den Mint-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik), aber wie könne es auch anders sein, wo doch schon zu wenige Lehrer diese Fächer an den Schulen unterrichteten. Sollte doch ein junger Mensch eine Firma gründen, dann gehe er nicht in eine Garage, sondern müsse aufs Amt, während Erstere vom Bauordnungsamt geschlossen werde, weil sie fürs Gründen nicht vorgesehen sei. Auch die politischen Konsequenzen legte Lindner im Detail dar.

Erkennbar war nur nicht, ob der FDP-Chef einfach eine kluge Rede gehalten oder ob er hier das neue liberale Projekt gefunden und formuliert hat. Immerhin vereint die von ihm skizzierte Digitalpolitik alles, was die FDP einst ausgemacht hat: Freiheit für Unternehmer, Förderung der Begabten, den Schutz von Bürgerrechten gegen den Staat und gegen Konzerne.

Aber darin steckt eben auch das Dilemma der FDP. Unter ihrem Langzeitvorsitzenden Guido Westerwelle zählten die alten Ideale wenig, es hatten die Steueroptimierer und Staatsverächter das Sagen, und dieser Teil der FDP-Wähler ist in Scharen zur Angsthasenpartei AfD übergelaufen (Angst vor Europa, dem Euro, der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, dem Islam, der Akademisierung, vor dem Verlust der "klassischen deutschen Tugenden"). Die Frage ist, ob Lindner in Hamburg die alten Wähler durch neue ersetzen kann – aus den Reihen der Netzgemeinde und dem Umfeld der Piratenpartei. Dann wäre die Rede ein Wendepunkt für die FDP gewesen.