Die Krawatte oder der Langbinder (vulgo: Schlips) gilt noch immer als Zeichen einer gewissen Seriosität, was schon aus der Tatsache hervorgeht, dass Journalisten in der Regel keine Krawatten tragen. Angehörige ernsthafter Berufe hingegen, seien es Anwälte, Minister oder Steuerberater, sind ohne Schlips nicht recht vorstellbar, sie wären gewissermaßen nackt, inexistent.

Nun ist allerdings das Renommee der politischen Klasse derart gesunken, dass auch das Ansehen des Langbinders Schaden genommen hat. In Griechenland jedenfalls scheint er zum Merkmal einer korrupten Politikerkaste verkommen zu sein, weshalb der neue Ministerpräsident Tsipras niemals eine Krawatte trägt, sondern weiße Hemden mit geöffnetem obersten Knopf. Sein Finanzminister Varoufakis ist da noch entschiedener: Der Film von seiner ersten Pressekonferenz in Athen zeigte ihn zusammen mit dem Abgesandten der EU Dijsselbloem. Dieser trug wie üblich dunklen Anzug, weißes Hemd und Schlips, jener ein oben offenes dunkelblaues Hemd. Als er zum Abschied Herrn Dijsselbloem die rechte Hand gab, hatte er die linke in die Hosentasche gesteckt, während das Hemd locker über den Hosenbund fiel. Das sah ziemlich cool aus, und Augenzeugen berichten, sie hätten den neuen, schon jetzt überall gefürchteten Minister in Lederjacke und Motorradstiefeln gesehen, und zwar nicht in seiner Freizeit, sondern am Verhandlungstisch mit Ministerkollegen, allesamt beschlipst.

Der Athener Regierungswechsel könnte also nicht bloß das Ende des Euro einläuten, sondern auch das Ende der Krawatte. Wenn man darüber nachdenkt, welches von beiden, Euro oder Krawatte, für das Abendland unverzichtbarer ist, bedeutsamer für seine Tradition und Kultur, so wird man sagen müssen: die Krawatte. Doch das scheint nun vorbei und der Untergang des Abendlandes wirklich vorstellbar. Wenn Gestalten wie Strauss-Kahn bei Orgien Schlipse tragen, wenn die großen Finanzverbrechen von Langbindern eingefädelt wurden, dann darf man Schlipsträgern nicht mehr trauen. Der Umkehrschluss allerdings wäre falsch. Aus der Tatsache, dass jemand im offenen Hemd daherkommt, folgt noch nicht, dass man ihm trauen kann.

Der neue krawattenlose Politikstil in Athen kann beides bedeuten: eine zupackende Hemdsärmeligkeit oder eine schlitzohrige Gerissenheit. Es ist zweifelhaft, ob man gut daran täte, von Herrn Varoufakis einen Gebrauchtwagen zu kaufen. Dass er ihn reparieren könnte, scheint unzweifelhaft.