Im Märchen geht die Geschichte bekanntlich so: "Wie der Wolf seinen Appetit gestillt hatte, legte er sich wieder ins Bett, schlief ein und fing an, überlaut zu schnarchen." Und in der Realität? Haben die Wölfe aus der VW-Stadt nun genug, nachdem sie im allerletzten Moment in der Wildnis des Transfermarktes für ganz großes Geld einen kapitalen Fang gemacht haben? Mit André Schürrle spielt in Zukunft ein echter WM-Entscheider an der Aller; um jeden Preis will der Verein weg vom Image des seelenlosen Konzernclubs, in dem sich internationale Sternchen gelangweilt die Taschen vollmachen, bis sie woanders noch mehr verdienen können. Der Absturz des VfL nach der Meisterschaft 2009 galt vielen Kritikern als Beleg dafür, dass das Modell "Kaufen um jeden Preis" so wenig taugt wie ein VW Santana, der nach der Premiere in Deutschland bald nur noch in China verkauft wurde. Doch nun, nach der Demontage der Bayern, ist Wolfsburg plötzlich das Versprechen für die Zukunft und letzte Hoffnung des deutschen Fußballs: Endlich einer, der den übermächtigen Bayern Paroli bieten will und die Liga wieder spannend macht. Welch märchenhafte Wandlung!

Wird sie diesmal von Dauer sein? Für den Moment fliegen den Wölfen die Herzen zu. Als habe erst der tragische Tod des belgischen Talents Junior Malanda der Öffentlichkeit klargemacht, dass auch in der Volkswagen Arena Menschen auf dem Platz stehen und nicht nur Autoersatzteile. Der quirlige Spielmacher Kevin de Bruyne, der anfangs nicht genug schimpfen konnte über das kalte, ungastliche Deutschland, läuft plötzlich heiß. Der Trainer Dieter Hecking, bislang bestenfalls als ehrliche Haut und wackerer Arbeiter zwischen Verl und Nürnberg geachtet, ist nun der Wundermann, dem es als Erstem gelang, den Guardiola-Code zu knacken. Seine Bodenständigkeit (lebt mit Frau und fünf Kindern auf einem Bauernhof) verleiht dem Konzernclub jene Seele, die der unnahbare Machtmensch Felix Magath ihm trotz aller Erfolge nie einhauchen konnte. Und der Manager Klaus Allofs, bei den netten Menschen von Bremen sozialisiert, gilt auch dann noch als warmherziger Vertreter seiner Zunft, wenn er, kalt lächelnd, mehr als 50 Millionen Euro Konzernkohle für einen Weltmeister ausgibt.

Doch all das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Fußballverein ein strategisches Investment eines Automobilherstellers ist und bleibt. Kürzlich erst wurde der chinesische Nationalspieler Xizhe Zhang verpflichtet – wohl weniger eine sportliche Verstärkung denn eine PR-Maßnahme für den wichtigsten Markt: Schon beinahe jeder zweite Volkswagen wird in China verkauft.

Bisher hat es noch kein Verein allein mit dem Geld eines Sponsors auf Dauer an die nationale oder gar internationale Spitze gebracht. Zwar sind die dominierenden Vereine wie Madrid, Barcelona oder Bayern inzwischen auch gewaltige Geldmaschinen. Aber in ihrem Innern pocht das Herz einer langen Tradition, die man nirgendwo kaufen kann. VW und seine hundertprozentige Tochter VfL werden noch viel investieren müssen, um diesen Standortnachteil wettzumachen und kurzfristige Erfolge in dauerhafte Emotionen umzuwandeln. Den Hunger, den man dafür braucht, scheinen sie zu haben. Doch Vorsicht – auch dem guten Wolf kann sein Appetit genauso zum Verhängnis werden wie seinem bösen Artgenossen: "Und wie er aufwachte, wollte er fortspringen, aber die Steine in seinem Bauch waren so schwer, dass er gleich niedersank und tot umfiel."