In Deutschland wird gern gefordert, Griechenland müsse die mit den Gläubigern geschlossenen Verträge einhalten oder die Währungsunion verlassen. Ein Aspekt kommt in der Diskussion meist nicht vor: dass in Wirklichkeit handfeste geopolitische Interessen der Europäischen Union und gar der Vereinigten Staaten (der IWF ist immerhin eingebunden) eine Rolle spielen. Die neue Regierungskoalition aus Syriza und der prorussischen Rechtsaußen-Partei ANEL weiß dies ganz genau. Daher zog Athen sofort nach der Wahl die "russische Karte" und drohte, gegen weitere Russland-Sanktionen der EU zu stimmen. Es ist ein Signal vor allem an Deutschland, die Mitgliedschaft Griechenlands in der Währungsunion und in der EU als das anzuerkennen, was es ist: eine Liaison, die nicht nur geschlossen wurde, weil sich Griechenland wirtschaftspolitische Vorteile erhoffte, sondern weil die unwiderrufliche Einbindung Athens als festes Mitglied im Euro, in der EU und in der Nato von geopolitischem Interesse ist.

Verengt man die Diskussion auf ökonomische Argumente, lässt sich leichter für einen "Grexit" plädieren, als wenn die außenpolitischen Konsequenzen berücksichtigt würden.

Die neue Regierungskoalition in Athen hat erklärt, sie wolle den Euro nicht verlassen. Sie wolle die Verträge weitgehend einhalten, ihre Schulden zumindest beim IWF bezahlen, die Korruption beenden und die Steuereintreibung, die von den beiden alten Volksparteien bewusst vernachlässigt worden sei, forcieren. Syriza wurde aber vor allem gewählt, um die harten und demütigenden Auswirkungen der von der Troika – und indirekt von Deutschland – auferlegten Sparpolitik zu korrigieren. Dazu gehört auch ein Entgegenkommen der staatlichen Gläubiger in Europa.

Die Zeit drängt. Das Rettungsprogramm für Griechenland läuft im Februar aus. Griechenland braucht dann eine neue Kreditlinie mit seinen Gläubigern, ein IWF-Programm und eine Einigung mit der Troika. Ansonsten darf die EZB die griechischen Banken von März an nicht mehr mit Geld versorgen. Die Kapitalflucht aus dem Land würde sich verschärfen, und es würde ein erzwungener Austritt Griechenlands aus dem Euro drohen.

Oberflächlich betrachtet, würde ein "Grexit" die Währungsunion weniger erschüttern als noch vor wenigen Jahren. Die ausländischen Banken haben sich weitgehend aus Griechenland zurückgezogen. Sie stehen heute stabiler da. Dies und die Bankenunion würden verhindern, dass es zu einer international gefährlichen Bankenkrise kommen würde. Außerdem gibt es Mechanismen wie den Rettungsschirm ESM. Er wurde aufgespannt, um einem erneuten Flächenbrand der Schuldenkrise vorzubeugen. Man könnte also argumentieren, dass Athen einlenken müsse und man die Forderungen der neuen Regierungskoalition ignorieren könne.

Geopolitisch ist die Situation aber komplizierter: Der Arabische Frühling und der Krieg in Syrien haben dazu geführt, dass das gesamte Mittelmeer im Süden und Osten ein gefährlicher Unruheherd geworden ist. Im Nordosten hat der russische Präsident Wladimir Putin einen Krieg mit der Ukraine vom Zaun gebrochen. Die EU und die Nato werden in dieser Situation nicht wollen, dass Griechenland mit seiner exponierten Lage im Mittelmeer in sozialem und wirtschaftlichem Chaos versinkt und politisch unberechenbar wird. Sie werden kaum riskieren, dass Griechenland nicht nur die Währungsunion, sondern auch die EU verlassen muss und dies Auswirkungen auf die Nato haben könnte. Rein theoretisch könnte Griechenland Häfen privatisieren und diese den Russen zur Verfügung stellen.

Die Griechen haben schon oft auf ihre geopolitische Bedeutung hingewiesen, zuletzt auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise im Juni 2012, als der griechische Professor für Außenpolitik und Wirtschaft an der University of East London, Vassilis Fouskas, warnte: "Griechenland könnte in der Ägäis Handelsrouten, Schifffahrtswege, Fluginformationssysteme sowie Öl- und Gas-Pipeline-Projekte torpedieren und die Sicherheit der Nato und der EU in der Region bedrohen." Wenn Griechenland von außen, zum Beispiel von der Troika, so weit getrieben werde, dass es verzweifelt reagiere, sei dies nicht ausgeschlossen.

Man kann den Spieß natürlich auch umdrehen und sagen, dass Griechenland gerade wegen seiner exponierten Lage die Sicherheit der Nato brauche. Athen wird auch den EU-Binnenmarkt für sein künftiges Wirtschaftswachstum nutzen wollen. Das wirtschaftlich angeschlagene Russland wird kein Ersatz sein. Moskau wird nicht einspringen, wie Zypern es schon vor zwei Jahren erlebte, als es von Russland finanziellen Beistand erbat und nicht bekam.

Aber wirtschaftlich rationale Argumente bewahren Politiker nicht davor, irrationale Entscheidungen zu treffen. Das beste Beispiel dafür ist der britische Premierminister David Cameron, der gegen alles wirtschaftliche Kalkül Großbritannien in die Situation manövriert hat, ernsthaft über einen Austritt aus der EU nachdenken zu müssen. Als Banker im Jahr 2011 die technischen Details des Schuldentauschs Griechenlands austüftelten, arbeiteten sie unter der Prämisse, dass Griechenland die Währungsunion nicht verlassen sollte. "Das kommt geopolitisch nicht infrage. Europa braucht Griechenland als stabiles Mitglied in der Währungsunion, EU und Nato", hieß es damals. Mittlerweile ist diese geopolitische Funktion noch wichtiger geworden. Wenn dieser Aspekt bei der Diskussion nicht berücksichtigt wird, fehlt die Hälfte der Gleichung. Dann wird die deutsche Öffentlichkeit nicht verstehen, warum auf die neue Koalition in Athen letztlich eingegangen werden muss.