Der Außenanstrich – heißt die Farbe nicht Ochsenblut? Das wäre witzig. Denn wenn in der Küche des Leaf je Blut geflossen ist, dann das der Köchin. Das Ecklokal in Ottensen ist komplett vegan, allerdings anders, als man es sonst kennt. Die Küche geht weder in Richtung panasiatisch noch in Richtung Vollwertkost. Sie erinnert vielmehr an verfeinerte gutbürgerliche Küche. Das heißt: viele Fleischersatzprodukte. Gegen die kann man manches einwenden, ideologisch wie kulinarisch. Aber hier gilt: Es kommt darauf an, was man daraus macht. Corinna Krampe macht Sauerbraten. Der ist bei ihr aus Seitan und gerade so sauer, dass man den neutralen Grundton des angenehm bissfesten Glutenklumpens nicht bemerkt. Den Geschmack liefert eine herzhafte braune Sauce. Der Kardamom an den glasierten Karotten und der Zimt am knackigen Graupenrisotto wenden das Aroma leicht ins Orientalische.

Schon die Aufzählung lässt ahnen, wie viel Aufwand hier getrieben wird. Obwohl Krampe wie die allermeisten veganen Köche über das Essen zum Kochen kam, jongliert sie so mutig wie gekonnt mit vier, fünf Komponenten in fast jedem Gericht. Manche futtert man achtlos weg, wie die Grapefruit-Mayonnaise zur gebackenen Avocado. Und fragt sich erst beim Abräumen: Wie geht denn das ohne Ei? Wenigstens die Hauptzutat lässt sich die nette Kellnerin entlocken: "Wir haben Soja-Joghurt über Nacht abhängen lassen." Das macht die Substitutionsküche so spannend: Sie erkundet ständig Neuland. Die Kunst liegt darin, alles ganz natürlich wirken zu lassen.

Gemüse bekommt im Leaf nicht weniger Aufmerksamkeit und noch mehr Gewürze. Vielleicht ein wenig übertrieben bei der scharfen Blumenkohl-Kokosmilch-Suppe mit einer Safran-Mojo-Schaumhaube und einem Petersilien-Apfel-Pesto, worin auch noch ein mit Salbei aromatisierter Kartoffelchip steckt. Aber der Winter ist nun mal nicht die beste Zeit für Grünzeug-Puristen. Man staunt, wie gut Corinna Krampe auch die Stärken der Saison auf den Teller bringt. Am gelungensten bei der rustikalen Wirsingroulade aus Tofu-Hack mit fritierter roter Bete, deren erdiger Geschmack mit einer Blutorangensoße kontrastiert.

Man isst diese Speisen in der Wohnzimmeratmosphäre eines teilrenovierten früheren marokkanischen Restaurants. Aus den Lautsprechern kommt Rockmusik, Rotweine stehen auf dem Tresen. "Nehmen Sie den, der ist geil", sagt die Kellnerin. Wie schön, hier achtet man auf die Form. In dieser Art von Lokalen wird sonst gern geduzt.

Am Leaf ist schön zu beobachten, wie der Veganismus die Mitte der Gesellschaft erreicht – oder jedenfalls deren hedonistisches oberes Drittel. Man muss ja nicht glauben, was diese Ernährung alles bewirken soll, aber hier macht sie gute Laune.

Nur die Desserts sind nicht ganz auf der Höhe, vom uncremigen Flan bis zum etwas fischigen Milchschaum. Verständlich – gerade da, wo Vegetarier wieder aus dem Vollen schöpfen können, müssen Veganer drei Hauptzutaten ersetzen: Butter, Eier und Sahne. Aber das ist vielleicht ganz gut so. So spazierte man als Fleischesser einfach heraus, ohne zu bemerken, dass man nicht einfach nur gut essen war.

Leaf, Eulenstraße 38, Ottensen. Tel. 87 095 1177, www.restaurant-leaf.de. Geöffnet di-fr 12-14.30 Uhr und 17-22 Uhr, sa-so nur 17-22 Uhr. Hauptgerichte um 14 €.