Die neue Platte von Johannes Oerding, deutscher Popsänger aus Hamburg und stilistisch irgendwo angesiedelt zwischen Rod Stewart und Alexander Klaws. Titel: Alles brennt.

Video zum Titelsong. Aufblende. Mecklenburger Seenplatte oder so ähnlich. Abendrothimmel. Dann Wüste. Nevada? Kalifornien?

Bettelnde Clochards, die sich in die Arme schließen.

Songtext: "Ich such den Raum ab, doch ich find keine Tür." Welchen Raum? Welche Tür? Beschreibt das lyrische Ich eine Psychose? Oder ist das eine Szene aus einem Horrorfilm?

Schnitt. Ein Mädchen mit sehr viel Kajal um die Augen sitzt in einer Badewanne. Oerding fährt im Cabrio durch die amerikanische Wüste.

Text: "Alles brennt, alles geht in Flammen auf. Alles, was bleibt, ist Asche und Rauch." Was ist gemeint? Was wird in Brand gesetzt? Die Verhältnisse? Das Schweinesystem? Die eigene Biografie?

Oerding weiter im Cabrio. Schnitt. Ein Pärchen streitet sich vor einem Wohnwagen. Er wirft eine Jeans nach ihr. Die Jeans landet im Schmutz. Die Frau ist total aufgebracht, schreit herum. Warum? Ist es eine Designerhose, auf die man drei Jahre lang warten muss, weil sie in China hergestellt wird unter Umständen, über die dann später Amnesty International berichten wird?

Songtext: "Zu wenig Platz selbst für einen allein. Bevor sie auf mich fall’n, reiß ich die Mauer ein."

Sie: Plural. Mauer: Singular. Wer ist also sie? Wer fällt auf wen? Ist der Autor inhaftiert und umgeben von stark übergewichtigen Menschen mit Gleichgewichtsstörungen?

Die Frau läuft in einer sehr schicken Collegejacke, die glitzert und im Berliner Prenzlauer Berg sofort eine Hysterie auslösen würde; die Frau läuft anschließend durch die Wüste.

Songtext: "Komm, steh auf, komm, steh auf, sag ich mei’m Verstand." Ist es normalerweise nicht andersherum, bewusstseinstheoretisch gesprochen? Der Verstand sagt uns was, und dann findet dieses dialektische Spiel statt, das Gegen-sich-selbst-Antreten?

Der Clochard vom Anfang liegt bewusstlos auf dem Bürgersteig. Weitere Clochards. Entsetzen. Anklagende Blicke zum Himmel.

Songtext: "Steine schmeißen, Scherben fliegen. Gradeaus, auf neuen Wegen, durch den Feuerregen." Eine Umsturzvision? Aber wieso sind die neuen Wege dann gerade? Sind in der europäischen Literaturtradition nicht die geraden Pfade jene der Konvention? Schon Quintilian schreibt in seiner Rhetorik … ach, egal.

Du sollst im Pop nicht nach einer schlüssigen Erzählung fragen. Es geht um Haltungen, um ein Timbre. Wie für den Film gilt die Regel: Wenn du eine Message hast, verschick sie mit der Post (politischer Soul, Rap und manche Spielarten des Punk bilden die Ausnahme).

Aber das Ganze muss in sich stimmig sein. Da hilft es, wenn sich die Musik nicht nach Castingshow anhört.

Es hilft auch, wenn die Texte nicht daherkommen wie die Aufwärmzeilen eines schlechten Motivationstrainers aus Koblenz: "Denn das alles gibt es nur, wenn du lebst, wenn die über Grenzen gehst, die tiefen Schläge überstehst."

Mensch, ein Popalbum ist keine Seminararbeit! Lassen Sie den Mann einfach singen, und wenn Ihnen die Bilder zu schief sind, dann hören Sie einfach auf die Musik. – Aber die Musik ist doch auch ...

Ruhe! Das ist deutscher Schlagersängermöchtegernindiepop. Die machen das so.

Darf man dann wenigstens kurz Udo Lindenberg erwähnen, auch aus Hamburg, auch deutscher Sänger?

Der Song heißt "Daumen im Wind", veröffentlicht 1972: "Nun steh ich hier und sing ganz andre Lieder / Ich weiß nicht, wohin es geht / Ja, die Straße hat mich wieder / für Betty und mich ist es zu spät."

Keine Fragen offen. Nur: Melancholie, Einsamkeit, Aufbruch. Wer braucht da noch ein Cabrio?