Von nächster Woche an rennen alle in die Verfilmung des Sadomasoerfolgs Fifty Shades of Grey. Weil es im Kino immer nur nach Popcorn und nassen Schuhen stinkt, müssen wir vorher rasch daran erinnern, dass der Mann, den die gleichnamige Romantrilogie in die erotischen Fantasien von Millionen Leserinnen gepflanzt hat, nach frischer Wäsche riecht. Der berühmteste Sadist der Gegenwart ist kein Wüstling. In der Kammer seines dunkelsten Geheimnisses befinden sich keine gemetzelten Ehefrauen, sondern ein Lifestyle-Angebot: Zitrusduft, Mahagoniholz, glänzende Fesseln, perlenbesetzte Peitschen. Man will das natürlich alles sehen. Auf der ganz großen Leinwand.

Danach wird man es kaufen wollen. Schon die Romane ließen das Geschäft mit Sexspielzeug florieren. Mit den Absatzzahlen untermauerte die Soziologin Eva Illouz ihre These, dass Fifty Shades of Grey Lebenshilfe für ein Problem moderner Beziehungen biete: Wenn sich Gleichberechtigte lieben, müssen sie sich peinliche Gedanken darüber machen, wie die emotionale Macht, die jeder Liebende über den anderen hat, mit dessen Selbstbewusstsein zu vereinbaren ist. In Fifty Shades of Grey legen Ana Steele und Christian Grey deshalb die uralte Rollenverteilung vertraglich fest: Er dominiert, sie unterwirft sich.

Marquis de Sade, Namensgeber des Sadismus, wusste noch, dass es zwischen Macht und Autonomie keine Einigkeit gibt. Er karikierte das Zwischenmenschliche als blutigen Missbrauch, was Simone de Beauvoir später als wahre Analyse las. "Man verlangt also nach Sklaven", schrieb sie, "die gleichzeitig frei sein sollen, aber das gibt es nicht."

Die Arbeits- und Konsumgesellschaft braucht aber genau solche freiwilligen Liebediener. Deshalb kultiviert man, etwa in Trivialromanen und Filmen, das Begehren als vermittelndes Prinzip: Man ist frei zu wählen, welchen Leidenschaften man sich unterwirft. Und frei, den zu unterwerfen, dem man Genuss verschafft. Während die Gerichte der Welt die Verwicklung von Potentaten wie Dominique Strauss-Kahn in das kriminelle Gewerbe mit brutalem Sex verhandeln, fantasiert Fifty Shades of Grey von Sex, der den Handel mit freiwilliger Unterwerfung so gut funktionieren lässt, dass die Leserinnen sich davon zur Nachahmung animiert sähen, wie Eva Illouz vermutet: ein Porno, der Sexratgeber wurde.

Der Kinofilm wird da nicht so explizit werden können. Dass die Produktionsfirmen ihn bis zum Kinostart streng unter Verschluss halten, spricht dagegen, dass er skandalös frivol wird, und dafür, dass man schon vorab streng mit den Begierden des Publikums haushalten muss. Es wird sie schließlich befriedigen können, indem es etwas kauft. Kinotickets, den heißen Titelsong von Beyoncé oder vielleicht sogar eine Duftkerze wie aus Greys Boudoir mit leichter Zitrusnote.