Sie toben sich aus und haben alle moralischen Hemmungen abgelegt. Es ist ein "wildes Morden", und das Leben eines Menschen gilt nicht mehr "als das einer Fliege". In rasender Geschwindigkeit lassen die Mordbrenner die "ethischen Standards der Gesellschaft" hinter sich. Es sind keine Berufsverbrecher und Räuberbanden, es sind ganz normale Bürger aus den Kernländern Europas, die ungebremst ihrer archaischen Lust frönen. Alle "Farben und alle Nationen" sind vertreten. Es ist ein regelrechter "Import europäischer Menschen" auf fremdes Gebiet.

Passt diese Analyse nicht exakt auf jene Dschihadisten, die, aus Belgien, Frankreich, England und Deutschland kommend, als foreign fighters für den "Islamischen Staat" (IS) in den Krieg ziehen? Junge Männer, die gestern noch Pizza ausgefahren und Gemüse verkauft haben und nun in den irakischen Wüsten Andersgläubigen den Kopf abschneiden?

Tatsächlich aber entstammt diese Passage über den "Import europäischer Menschen" auf fremdes Gebiet Hannah Arendts epochaler Studie Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, verfasst unter dem Schock von Faschismus und Stalinismus und zuerst 1951 in Amerika veröffentlicht. In einem langen Kapitel beschreibt die Philosophin (1906 bis 1975) das Zeitalter des Imperialismus, sie schildert darin, wie im späten 19. Jahrhundert christliche Nationen mit apokalyptischer Grausamkeit über fremde Kontinente herfielen und dabei alle zivilisatorischen Hemmungen ablegten. Der europäische Imperialismus, so lautet ihre These, hat "die gesamten politischen und moralischen Standards der abendländischen Tradition" suspendiert und damit die Barbarei des 20. Jahrhunderts vorbereitet, die Arendt mit dem Begriff des Totalitarismus beschrieb.

Vor allem der afrikanische Kontinent wurde zum "Treibhaus des Imperialismus". Unter "einer erbarmungslosen Sonne", wie in einer "Generalprobe", übte die europäische Zivilisation das Abschlachten und Ausrotten im großen Stil. Vorneweg die Avantgardisten des Grauens, die Horden brutaler junger Männer.

Weder klassische Schulbildung noch akademische Gelehrsamkeit bremsten die europäischen Barbaren. Bibelfeste Familienväter und lammfromme Humanisten, die eben noch vor den abendländischen Werten in die Knie gegangen waren und zu ihrem gnädigen Gott gebetet hatten, entpuppten sich als Berserker und Massenmörder. Zum Beispiel der Pastorensohn Carl Peters (1856 bis 1918), ein Philosoph, der über den 1177 geschlossenen Frieden von Venedig promoviert hatte. Kaum in Deutsch-Ostafrika angekommen, verbreitete er Furcht und Schrecken, die Eingeborenen nannten ihn bald "Die blutige Hand". Hannah Arendt zitiert Carl Peters mit dem Satz: "Ich hatte es satt, unter die Parias gerechnet zu werden, und wollte einem Herrenvolk angehören." Die Nachwelt kennt den Schlächter übrigens unter dem Namen "Mr. Kurtz" – es ist der teuflische Psychopath aus Joseph Conrads Erzählung Das Herz der Finsternis.

Unter den Auswanderern – unabhängig von ihrer Herkunftsnation – sticht ein bestimmter Sozialcharakter hervor. Es ist der Typ des "Entbehrlichen" und "Überflüssigen", den zu produzieren "ganz Europa beitragen hat". Hannah Arendt meint jene "Verlierer", die in ihren Gesellschaften keinen Platz, keine Anerkennung und keine Arbeit gefunden hatten. Diese Gestalten waren "durch und durch leer und hohl". Mit rasender Geschwindigkeit wurden sie zu Wilden, denen gegenüber jene Einheimischen, die man sonst so nannte, nachgerade zivilisiert waren.

Der Grausamkeit dieser "Verwilderten", so Arendt, "haftete etwas Irreales an". Sie empfanden eine sadistische Lust am Töten und schienen nur auf eine Gelegenheit gewartet zu haben, um mit "aktiver Bestialität" die Last der Moral abschütteln und die Stimme des Gewissens abtöten zu dürfen. Sie waren glücklich, "der Zivilisation und damit der Verantwortlichkeit ihrer eigenen Welt entronnen zu sein".

Tatsächlich war die christliche Moral ein lästiges Hindernis für die Auswanderer; das biblische Tötungsverbot stand ihrer Mordlust im Wege. Diesem "Gesindel", so vermutet Arendt, hätte ein Ausruf des Schriftstellers Rudyard Kipling gut gefallen: "Verschiff mich dorthin, wo es kein Gut und kein Böse gibt, wo die Zehn Gebote nicht gelten und ein Mann noch ordentlich einen über den Durst trinken kann!"

Wer unter den Auswanderern die alte Religion nicht einfach verleugnen wollte, der legte sich – wie heute die Dschihadisten im Irak – eine Primitivreligion zu, die das oberste Gebot ("Du sollst nicht töten") einfach liquidierte. Mit angewiderter Neugier beschreibt Arendt, wie die niederländischen Buren in Südafrika eine "unchristliche Religiosität" erfanden, in der es keinen universalen Gott mehr gab, sondern nur noch einen Gott für die Weißen. Und die niederländisch-reformierte Kirche? Sie spendete dieser Entchristlichung des Christentums den Segen. "Es war Gottes Willen auf Erden."