Natürlich spielte der New Yorker Schneesturm wenige Tage zuvor eine Rolle. Natürlich sind Dollar-Auktionen wegen des Wechselkurses zurzeit gerade für Sammler aus Europa nicht sehr attraktiv. Das aber waren nicht die wesentlichen Gründe für das Desaster, das sich vergangene Woche in weniger als einer Minute ankündigte: Keine Hand regte sich, als im großen Auktionssaal von Christie’s im New Yorker Rockefeller Center ein kleines Gemälde aufs Podium gestellt wurde, das das Unternehmen niemand Geringerem als dem Barock-Meister Caravaggio zugeschrieben hatte.

Mit dieser Einschätzung allerdings konnte das Unternehmen vor allem jene Kunsthändler nicht überzeugen, die wussten, dass die Darstellung eines Jungen, der eine Frucht schält, schon seit Jahren vergeblich am Markt angeboten wird. Dass diese Fassung – eine von mehreren erhaltenen des Motivs – tatsächlich eine eigenhändige ist, steht nämlich keineswegs fest. Entsprechend wollten weder Jonathan Green und Anthony Crichton-Stuart aus London noch Martin Zimet oder der große Richard Feigen aus New York auf das Gemälde bieten. Dass es mit drei bis fünf Millionen Dollar einen Schätzpreis hatte, der für eines der seltenen überhaupt noch verfügbaren echten Caravaggio-Gemälde um den Faktor zehn zu niedrig war, trug auch nicht eben zum Vertrauen in die Expertise der zahlreichen Kunsthistoriker bei, die Christie’s im Katalog zitierte. Der Wiener Kunsthistoriker und Caravaggio-Experte Sebastian Schütze war nicht dabei: Er hatte das Jungenbildnis in seinem 2009 erschienenen Werkverzeichnis in die Kategorie "Zugeschriebene Werke" eingeordnet.

Der angebliche Caravaggio sollte in der vergangenen Woche nicht das einzige Bild bleiben, auf dem Christie’s sitzen blieb. Werke von eigentlich gesuchten Meistern wie Pieter Brueghel II., Canaletto, Pieter Claesz und Guido Reni wurden nicht verkauft. Am Ende des Abends musste das Unternehmen einen Nachbericht veröffentlichen, demzufolge von 54 angebotenen Bildern 32 gescheitert waren. Statt erhoffter 39 Millionen erlöste die Altmeister-Auktion gerade einmal 9,3 Millionen Dollar. Dabei gehört die New Yorker "Old Master Week", auf die Auktionshäuser und Galerien ihre Aktivitäten konzentrieren, seit vielen Jahren schon jeweils im Januar zu den Höhepunkten des Auktionskalenders. In diesem Jahr bedeutete sie für Christie’s das schlechteste Ergebnis einer Abendauktion in diesem Segment seit 2002. Der Markt für alte Meister stagniert bereits seit einiger Zeit – nicht nur weil viele der wirklich bedeutenden Werke längst in festen Händen sind, der Nachschub nicht so einfach wie bei zeitgenössischer Kunst zu finden ist und bei den Schätzpreisen für die noch verbliebenen Arbeiten nicht selten schamlos übertrieben wird. Ungeliebte Bilder werden zudem innerhalb kurzer Zeit zu oft angeboten.

"Wir leben in einer zeitgenössisch orientierten Welt", erläutert der New Yorker Zeichnungsspezialist David Tunick der Nachrichtenagentur Bloomberg. "Wenn jemand in Ihr Haus kommt, wird er eine Marilyn Monroe von Warhol erkennen." Eine kleine Radierung von Dürer hingegen würde ein Nachbar wohl eher nicht identifizieren.

Christie’s und Sotheby’s versuchten in diesem Frühjahr, auf diese Entwicklung zu reagieren. Auf den Websites beider Auktionshäuser sangen Kunden im Vorfeld der Altmeister-Auktionen das Hohelied des cross-over collecting, des gleichzeitigen Sammelns von alter und moderner Kunst. Christie’s gestaltete sogar einen seiner Kataloge für die Auktionen der vergangenen Woche entsprechend: Einem Blumenstillleben des deutschen Renaissancemeisters Ludger tom Ring des Jüngeren wurde eine Blumenvase von Jeff Koons – selbst ein Altmeistersammler – gegenübergestellt. Dazu behauptete der Text, ohne dafür einen Beleg zu liefern, Koons’ Banalplastik "erinnert stark" an das Gemälde aus dem 16. Jahrhundert.

Für Sammler aus China sollte die apokalyptische Tafel eines Nachfolgers von Hieronymus Bosch durch die Behauptung interessant werden: "Der zeitgenössische chinesische Künstler Miao Xiaochun reinterpretiert Bosch im innovativsten Medium unserer Zeit: Computergrafik." Die Absurdität dieser Marketingversuche scheint dem Unternehmen irgendwann selbst aufgefallen zu sein. Zum grandiosen, in den 1540er Jahren entstandenen Bildnis eines jungen Mannes mit einem Buch von Angelo Bronzino, dessen Wert neben Werken von Cindy Sherman und Francis Bacon ausgerechnet ein liebloses Gemälde aus der Mao-Serie von Andy Warhol steigern soll, liest man im Katalog: "Obwohl es keinen Hinweis darauf gibt, dass er dieses Werk kannte, gibt es eine Parallele zwischen der Porträtkunst von Bronzino und der von Andy Warhol, dem am meisten gefeierten Lieferanten 'ikonischer' Bilder des 20. Jahrhunderts." – "Natürlich sind da Parallelen", kommentierte trocken der New Yorker Kritiker Robert Simon auf der Artnet-Webseite: "Genau wie wir alle möglicherweise genauso wie das erste Marsmännchen aussehen, das die Erde besucht." Vor zwei Jahren sollte der Bronzino schon einmal versteigert werden, fand aber keinen Bieter. Nun erzielte er 9,1 Millionen Dollar – Christie’s gehörte ein Anteil an dem Bild.

Sotheby’s, das mit seinem Altmeister-Experten George Wachter die unbestrittene Koryphäe der Branche auf der Payroll hat, vertraute einen Tag nach der Christie’s-Auktion der Kraft seines Angebots und riskierte nicht, die Kunst der alten Meister durch Marketingtricks und unpassende Vergleiche zu trivialisieren. Die Abendauktion erbrachte dort 57,1 Millionen Dollar und 72 Prozent verkaufte Werke. Zu den Überraschungen zählte kurz vor Schluss das unbekannte Constable-Gemälde Die Kathedrale von Salisbury, durch die Auen gesehen, das bei einer Taxe von zwei bis drei Millionen schließlich 5,2 Millionen Dollar erzielte. Vor zwei Jahren hatte ein Unbekannter das stark übermalte Bild bei der Christie’s-Auktion des Inventars von Hambleden Manor in Buckinghamshire ersteigert – als Werk eines "Nachfolgers von John Constable" für 3.500 Pfund. Sotheby’s schrieb es nach der Reinigung Constable selbst zu. Christie’s teilte nun mit, man sehe "keinen klaren Konsens im Hinblick auf die neue Zuschreibung".