Adrian ist einsam, still und verschlossen, wütend, laut und ungerecht. Er ist ein Davonläufer und ein Herausforderer, ein verzweifelt Hoffender und ein hilflos Flüchtender. Kurzum: Adrian ist alles, was ein 14-jähriger Junge, der mit dem Erwachsenwerden und der ersten Liebe kämpft, eben so ist.

Und er ist noch etwas anderes: lang. Großwüchsig. Riesig. Zwei Meter sieben wird er einmal messen, haben die Ärzte berechnet. Ein Horror für die Mutter, die alles daransetzt, Adrian zu einer Hormontherapie zu überreden. Sie möchte kein Kind, das aus der Menge herausragt, keinen Sohn, der auffällt. Von ihr hat er das Großsein schließlich, und sie weiß doch, was ihm bevorsteht. Wie sehr hat sie selbst als Kind gelitten! Aber der widerspenstige Teenie will nicht. Wozu auch, hat er doch den besten Schutzwall, den er sich wünschen kann: Stella Maraun, das Nachbarsmädchen, seine engste Vertraute und heimliche Liebe.

"Einsneunzig" sagt Stella zu ihm statt Adrian – nicht um ihn aufzuziehen, sondern um jeglicher Hänselei zuvorzukommen: "Als ein paar Leute vor einem Jahr in der Schule angefangen hatten, ihm diesen Namen hinterherzurufen, (...) da war Stella auf die Idee gekommen, Adrian zu Hause auch so zu nennen, damit es gar nicht erst wehtat. Damit es nichts als ein Name war. Damit es nichts war." Und damit er in guter Gesellschaft ist, sammelt Stella für den Freund großwüchsige Dinge, Rekorde von längsten, höchsten, größten Sachen. Es war Stellas Art, "Adrian mitzuteilen, dass er in Ordnung und kein Freak war, keine große Sache".

Die Nöte, die es Jugendlichen bereiten kann, wenn der eigene Körper in Richtungen wächst, die irrwitzig und falsch erscheinen; wenn sie einsetzt, diese unberechenbare Verpuppungsphase der Pubertät; wenn man geplagt ist vom Gefühl des Andersseins, des Sich-unverstanden-Fühlens, des Alleinsein – all das bündelt Susan Kreller im Bild ihres in die Höhe geschossenen Helden.

Dabei ist für Adrian Stella diejenige, die "von Anfang an aus allem, was gut war, herausgeragt hatte". Früher dachte Adrian auch noch, Stella werde immer mit ihm mitwachsen, war sie doch Teil von ihm wie ein Bein oder ein Arm. Doch die Freundin bleibt, "senkrecht gesehen, beneidenswertes Mittelmaß". Dieses Auseinanderwachsen ist ein Vorbote für das, was kommt: Die Kinder, die zusammen aufgewachsen sind, entzweien sich. Und das tut weh. Beiden. Wie Wachstumsschmerzen.

So realistisch die Figuren und Konflikte sind, Susan Kreller hatte eine märchenhafte Vorlage: Jahr um Jahr liest Stellas Großmutter, Misses Elderly, den Freunden auf der Hollywoodschaukel Die Eiskönigin von Andersen vor. Das Märchen begleitet die Kinder im Roman und wird gleichzeitig ihre eigene Geschichte: Zwei Nachbarskinder, aufs Engste miteinander verbunden, werden getrennt. Und während der Junge, blind und im Herzen vereist, unter dem Bann der bösen Königin steht, macht sich das Mädchen auf, den Freund zu retten.

Wer in Susan Krellers Märchen der Entführte und wer der Retter ist, darüber wären Adrian und Stella sicher unterschiedlicher Meinung. Wir Leser folgen der Handlung aus Adrians Perspektive, und für ihn ist es Stella, die plötzlich einen "Eissplitter im Auge" hat, die ihn nicht mehr sieht, die aus seinem Leben verschwindet. Denn Stella wechselt vom Haus nebenan ins Haus gegenüber.

Das "Dreitotenhaus" auf der anderen Straßenseite hatte "die schlechte Angewohnheit, seine Bewohner zu ermorden", und stand deshalb lange leer. Eines Nachts ziehen aber im Schutz der Dunkelheit neue Mieter ein. Stella beobachtet das mysteriöse Geschleppe mit dem Fernglas und ist davon überzeugt, dass die neuen Nachbarn ein Geheimnis haben. Adrian interessiert das alles nicht besonders, aber er interessiert sich für Stella. Und wenn die etwas möchte, folgt Adrian brav. So klingeln die beiden mit einer schlappen Ausrede am "Dreitotenhaus". Doch statt Geheimnisse aufzudecken, lernt Adrian, "dass alles, alles kaputtgehen konnte, nur weil man einmal zufällig nach Salz oder Zucker fragte". Geöffnet hatte die Tür ein Junge, "maßgeschneidert und schönäugig". Und statt ihren Freund als "Einsneunzig" vorzustellen, sagt Stella: "Das da ist Adrian."

Wo in dessen Leben vorher alles Stella war, ist plötzlich ein großes Nichts. Adrian ist hasserfüllt vor Eifersucht, weil er sich schon so lange die Liebe wünscht, die der "Schnösel" nun bekommt. So wie Kays Herz im Märchen vor Kälte erstarrt, so gefriert Adrian im Innern. Er ist unerreichbar für jeden, auch für Stella, die daran verzweifelt, dass sie dem Freund nichts von all dem Neuen in ihrem Leben erzählen kann.

Doch das erahnen wir nur schemenhaft. Denn Kreller stellt scharf auf den ohnmächtigen Jungen, zoomt sein Innenleben heran. Adrian, der Riese, müsste über den Dingen stehen, doch da Großsein auch bedeutet, sich schlecht verstecken zu können, zeigt die Autorin uns gnadenlos seine Verzweiflung, seine Wut, seine Trauer. Sie lässt ihn Bilder zerreißen und mutwillig Menschen verletzen, lässt ihn brüllen, Türen knallen und verstockt schweigen.

Wie ein kleines Kind verkriecht sich Adrian unter der Bettdecke und versucht so, den Menschen und der Welt zu entkommen. Er wandert stundenlang durch die Winterkälte und kann sich selbst doch nie abhängen. Stellas Oma, in Sorge um den Jungen, versucht ihm mit so manchem lebensweisen Ratschlag zu helfen: "Der andere ist erst weg, wenn er tot ist. Vorher nicht. Vorher ist er noch da." – "Dass man durch den Schmerz durchgehen muss. Die Wege außen herum, die zählen nicht." Und: "Es gibt keinen Menschen, der ganz zu dir hält. (...) Aber man wünscht es sich ein Leben lang." Doch nichts dringt durch.

Vorerst.