"Chaos ist befreiend" – Seite 1

DIE ZEIT: Wie spricht man Sie eigentlich an? Gibt es noch Menschen, die Sie Brian oder Mr. Warner nennen, oder sind Sie endgültig zu Marilyn Manson geworden?

Marilyn Manson: Meine Mutter war die Letzte, die mich Brian nannte, aber die ist tot. Die meisten Menschen vermeiden meinen Künstlernamen. Der Einzige, der mich so anspricht, ist mein Freund Johnny Depp. Der sagt immer: "Hallo, Marilyn Manson", und ich antworte dann: "Hey, Johnny Depp". Das ist so ein Spiel, wenn wir zwei unter uns sind.

ZEIT: Was verbindet Sie mit Johnny Depp?

Manson: Wir haben uns beide die Mentalität bewahrt, mit der wir unsere Karrieren begannen. Wir sind wie Kinder, die sich weigern, erwachsen zu werden. Wir wissen, dass wir etwas erreicht haben, aber unser Privatleben hat sich deshalb nicht großartig geändert. Wir lehnen beide die Vorstellungen ab, die mit dem Ruhm verbunden sind. Was wohl auch daran liegt, dass wir beide aus der working class kommen und immer noch staunen, wie weit wir es gebracht haben, aber eben auch wissen, dass wir dafür hart gearbeitet haben. Wir haben obendrein beide wenige Freunde und tun uns schwer im Umgang mit der Öffentlichkeit. Manchmal möchte auch ich einfach in Ruhe gelassen werden.

ZEIT: Sie beschweren sich über zu viel Aufmerksamkeit? Sie tun doch alles, um Wirbel zu erzeugen.

Manson: Ich beschwere mich auch nicht. Rockmusiker, die sich über Aufmerksamkeit beklagen, haben ein paar grundlegende Dinge nicht verstanden. Trotzdem erwarte ich, dass Grenzen akzeptiert werden. Auch wenn ich als Rockstar einen faustischen Handel eingegangen bin.

ZEIT: Haben Sie Faust gelesen?

Manson: Selbstverständlich, aber nicht im Original. Ich besitze es sogar auf Deutsch. Ein Fan schenkte mir einmal Hitlers persönliche Ausgabe von Faust. Leider verstehe ich es nicht, aber behalten habe ich es trotzdem. Ich liebe die Vorstellung, mit was für Geschichten und Geschichte so ein antiquarischer Band angefüllt ist. Deshalb sammle ich Bücher. Ich habe auch eine Erstausgabe von Dantes Inferno. Mich begeistert schon der Geruch des alten Papiers.

ZEIT: Zuletzt waren Sie auch als Schauspieler erfolgreich. In der US-TV-Serie Sons of Anarchy standen Sie ohne Ihr übliches Grusel-Make-up vor der Kamera. Hat der Rockstar Marilyn Manson langsam ausgedient?

Manson: Das Schöne an der Schauspielerei ist für mich, dass ich einmal jemand anders sein kann. Immer den Schock-Rocker Marilyn Manson zu spielen ist mit der Zeit ganz schön öde. Außerdem war es als Solo-Musiker während all der Jahre auch einsam. Ich wuchs ohne Geschwister auf und hatte als Kind keine Freunde. Meine Jugend war einsam. Die Idee, Teil einer Gang zu sein, faszinierte mich von klein auf. Die Vorstellung, dass da Leute sind, die für einen einstehen, wenn es mal Ärger gibt, war verlockend und einer der Gründe, weshalb ich als Teenager in einer Rockband sein wollte. Aber am Ende war ich dann doch wieder auf mich gestellt.

ZEIT: Als Schauspieler sind Sie das nicht?

Manson: Das war auch nicht unkompliziert. Einige am Set waren nicht begeistert, dass ein Musiker ihren Job macht. Und dann noch einer wie ich. Es kam zu einigen Unstimmigkeiten, und es war eine besondere Erfahrung für mich, dass andere Schauspieler mir dabei den Rücken stärkten.

ZEIT: Was für Unstimmigkeiten?

Manson: Ach, ganz banale Dinge. Mein Rockstar-Ruf als böser Mann eilt mir immer noch zuverlässig voraus. Es wurde zum Beispiel am Set verbreitet, ich sei immer unpünktlich und halte alle auf: der unzuverlässige, unberechenbare Manson eben. Ein egomanischer Rockstar, der sich nicht unterordnen kann – aber das Gegenteil war der Fall. Ich war, wenn ich Drehtage hatte, immer der Erste am Set und immer erstklassig vorbereitet. Das haben dann einige meiner Kollegen, vor allem Charlie Hunnam, der Star der Serie, auch mit Nachdruck klargestellt. Dass jemand tatsächlich mal für mich Partei ergreift, ist ein erfrischendes Gefühl, das mir unbekannt war. Als Marilyn Manson bin ich nämlich ein leichtes Opfer.

"Natürlich gefällt es mir, angefeindet zu werden"

ZEIT: Entschuldigung, ist das Bild von Marilyn Manson als unberechenbarem, wildem Mann nicht der Kern Ihrer über Jahre sorgfältig gepflegten Rolle als Rockstar?

Manson: Natürlich gefällt es mir, angefeindet zu werden. Das war immer das Ziel meiner Provokationen. Aber auch wenn ich mich gerne als Zielscheibe inszeniere, gibt es Grenzen. Ich habe mich längst daran gewöhnt, in den Medien für die erstaunlichsten Missverständnisse verantwortlich gemacht zu werden. Ich warte nur noch darauf, dass sie mir die Verantwortung für schlechtes Wetter und Orkane in die Schuhe schieben. Letztlich habe ich keine Wahl: Meine Kunst provoziert eben. Wer ein Album Antichrist Superstar nennt, darf sich nicht beschweren. Andererseits gilt in den USA immer noch das Recht der freien Meinungsäußerung, und das nehme ich in Anspruch. Allerdings hat sich um mich herum in den USA die Kultur mit den Jahren in meine Richtung hin verändert. Nehmen Sie die Mode: Outfits, mit denen ich früher schockieren konnte, tragen die Teenager heute sogar in der Schule. Und sie sehen besser aus als ich früher.

ZEIT: Wogegen haben Sie eigentlich rebelliert?

Manson: Gegen das Lebensbild, das mein Vater mir aufzwängen wollte. Er drängte mich, Vertreter zu werden, so wie er. Dazu kam die christliche Schule, die ich besuchen musste. Eine Zeit, in der ich mich vor allem an Prügel erinnere. Ich war nie religiös. Nicht mal meine Eltern waren besonders gottesfürchtig, aber sie dachten wohl, dass ich auf einer christlichen Schule die moralisch optimalen Werte für ein aufrechtes Leben mitbekomme. Oder vielleicht fanden sie nur, dass so ein Institut edler sei, als eine gewöhnliche öffentliche Schule. Ein Irrtum. Trotzdem weiß ich vermutlich mehr über die Bibel als viele überzeugte Christen. Ich war vor meiner Karriere richtig bieder – meine Unschuld verlor ich erst mit sechzehn.

ZEIT: Und die Rockmusik versprach Ihnen dann ein aufregenderes Leben?

Manson: Eigentlich wollte ich Schriftsteller werden oder Journalist. Ich habe in meiner Jugend viel gelesen und machte regelmäßig bei Poetry-Slams mit. Ich war genau das Gegenteil eines Rockers. Ich fand, dass meine Stimme nicht einmal gut genug war, um Gedichte vorzutragen. Aber dann ging ich diesen Pakt mit dem Teufel ein und wurde Rockstar. Ich wollte um jeden Preis berühmt werden. Und ich wollte weg von den Abgründen der Normalität. Ich hätte aber genauso gut Schauspieler werden können. In den vergangenen Jahren habe ich zum ersten Mal die Lust verloren an dem ganzen Schock-Rock-Spektakel, das meine Karriere bestimmt hat. Ich war unmotiviert und blieb in vielen Dingen weit unter meinen Möglichkeiten. Mir ging es auch privat nicht gut, der Tod meiner Mutter setzte mir zu.

ZEIT: Ihre grotesken, schockierenden Auftritte leben auch vom Humor. Wurde das missverstanden?

Manson: Mir war es immer ein Rätsel, warum ich so viele meiner Aktionen erläutern muss. Vieles ist so grell überzeichnet, dass ich denke, man kann es eigentlich gar nicht missverstehen. Andererseits ist es natürlich einkalkuliert, dass die Leute bei manchen meiner Aktionen ausflippen. Ich zelebriere das Chaos, also darf ich mich nicht wundern, wenn ich selber Chaos auslöse. Chaos ist ja auch etwas Befreiendes. Jeder dritte Akt eines Theaterstücks oder eines Hollywoodfilms bietet Chaos. Gestressten Gehirnen dient Chaos als Katalysator. Mich hat der Chaos-Begriff in der Kultur immer fasziniert. Viele Menschen unterstellen mir, amoralisch zu sein. Das ist falsch, ich bin sogar sehr moralisch, auch wenn ich mit dem Begriff spiele. Aber neuerdings bin ich gezwungenermaßen brav, weil ich nicht ins Gefängnis möchte.

ZEIT: Hat man Ihnen mit dem Gefängnis gedroht?

Manson: Ich bin fünfmal vorbestraft, wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses und solcher Sachen. Deshalb muss ich wirklich verdammt genau aufpassen, was ich anstelle. Bei Gefängnissen hört jeder Spaß auf. Wer da reinkommt, hat ein sehr ernstes Problem. In Sons of Anarchy gibt es einige Gefängnisszenen, und so etwas möchte ich nie erleben. Allen, die mich immer noch für einen unbedarften Gefahrensucher und Provokateur halten, kann ich nur sagen, dass ich alle meine Handlungen längst sehr genau abwäge – denn jeder kleine Fehler könnte mich in den Knast bringen. Meine wilden Tage sind lange vorüber. Leidenschaft wird von Unbedarften oft mit Aggression verwechselt. Aber das ist ein Missverständnis.

ZEIT: Wie weit geht Ihre öffentliche Marilyn-Manson-Inszenierung? Sind Sie privat ein friedlicher Biedermann?

Manson: Zwischen einem Biedermann und mir besteht kein krasser Unterschied. Ich schlafe viel und bin ein Hygienefanatiker. Unheimlich, was? Ich wasche mein Gesicht wie alle anderen Menschen morgens und abends mit Seife. Aber die Existenz als Marilyn Manson ist manchmal wirklich ein Balanceakt zwischen Privatem und Öffentlichem. Ich errege bei allen privaten Essen oder Partys Aufmerksamkeit, weil ich immer offen ausspreche, was die anderen Gäste nur denken. Ich lebe in Los Angeles, und in Hollywood sagt nie jemand, was er wirklich denkt. Deshalb sind dann immer alle so von mir schockiert. Ich verstelle mich nicht. Aber ich bemühe mich, dabei niemanden zu beleidigen.

ZEIT: Stimmt es eigentlich, dass man Sie vor einiger Zeit nicht in den Kölner Dom ließ, weil Sie zu schrill aussahen?

Manson: Ich bin da freiwillig nicht reingegangen. Ich trug einen alten deutschen Helm auf dem Kopf. Man forderte mich auf, ihn abzunehmen, was ich ablehnte. Es war also meine Schuld.

ZEIT: Warum behielten Sie den Helm auf? Damit Ihr Image als Rockstar in der Öffentlichkeit intakt bleibt?

Manson: Nein, ich hatte mir die Haare nicht gewaschen und schämte mich. Ich muss längst nicht mehr immer provozieren.