Auf der 51. Münchner Sicherheitskonferenz, dem Jahrestreff der Großen von Gauck und Merkel bis zu Kerry und Lawrow, geht es, um was sonst?, um die Ukraine und den Terror. Das eigentliche Thema aber ist ein psychologisches, ja philosophisches. Das "Ende der Geschichte" – der Triumph der Demokratie, die Befriedung der Welt – währte genau zehn Jahre: vom Kollaps der Sowjetunion 1991 bis zum New Yorker Terror-Blutbad 2001. Der Krieg, scheinbar entmachtet, kehrt zurück in zweifach neuer Gestalt.

Die eine ist der Terror mit seiner abgrundtiefen Grausamkeit, gegen den die besten Waffen der Staaten versagen, weil er kein Ziel bietet. Wen abschrecken, gar besiegen, wenn der Terror keine Adresse hat, sondern unvernetzt und unerkannt im eigenen Land lauert? Die zweite, ebenfalls kaschierte Schreckensgestalt zeigt sich in der Ukraine. Hier hat Putin eine neue Kriegführung erfunden: mit Panzern ohne Herkunft, mit Truppen ohne Abzeichen. Es seien ja nur Aufständische, die ihr Recht forderten, flötet der neue Zar. Die modernen Waffen aus dem russischen Arsenal müssen sie geklaut haben.

Der Westen ist perplex: Grenzverschiebung durch Gewalt? Der Bruch des Vertrags von Budapest, in dem Moskau, London und Washington den Bestand der Ukraine garantierten? Selbst wenn er wollte, könnte der Westen die Garantie nicht militärisch einlösen. Allenfalls Waffen will Amerika liefern – und stößt auf das voraussagbare Nein aus Berlin. Bloß keine "Eskalation" – als wären die Russen in der Ostukraine nur auf Fahrradtour gegangen.

"Sterben für Kiew" vs. unbedingte Friedfertigkeit ist die falsche Alternative. Es geht vielmehr um einen Perspektivwechsel, den Europa scheut und Obamas Amerika nach so vielen Mittelost-Kriegen zu vermeiden sucht. Wer der hässlichen Wahl zwischen Krieg und Kapitulation entfliehen will, muss das Vorsorgeprinzip, das wir in der Umweltpolitik ehren, auch auf die Staatenwelt übertragen – mit scheinbar verstaubten Begriffen wie "Abschreckung", "Gleichgewicht" und "Verteidigungsfähigkeit". Dialog muss immer sein, aber er allein stoppt keine Gewalt, sondern beflügelt sie.

Realismus ist keine erhebende Devise. Doch real ist der Neoimperialismus des Demokratieverächters Putin. Überschreiten wird er Grenzen, die bloß in den Sand gezogen sind. Wer kann, der tut. Und der andere Feind? So gemein der Terror ist, birgt er keine strategische Bedrohung für den Westen. Die gute Nachricht: Die Abwehr erfordert weder Armeen noch Armadas, sondern nur beste Polizei- und Geheimdienstarbeit. Bloß nie um den Preis der Freiheit.

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