Lieber Carl,

ich vermisse Sie. Sie haben mich begeistert und geärgert. Sie waren einzigartig, als Forscher, als provozierender Visionär, als bekennend selbstverliebter "intellektueller Polygamist".

Sie müssen sich diebisch gefreut haben über den Einfall, sich in Ihrer ersten Autobiografie als "Mutter der Pille" zu bezeichnen: Sie, der Chemiker, hätten lediglich die Substanz entwickelt, gewissermaßen das Ei. Das sei von dem Biologen Gregory Pincus und dem Mediziner John Rock, den "Vätern der Pille", mit der Idee befruchtet worden, daraus ein Medikament zu entwickeln. Später verwiesen Sie gern darauf, dass der weibliche Beitrag zur Fortpflanzung ungleich wichtiger sei als das winzige Spermium des Mannes.

Noch später verbaten Sie sich, ständig auf Ihre gesellschaftlich folgenreichste Erfindung angesprochen zu werden. Sie hatten sich nach mehreren Jahrzehnten und großen Erfolgen aus der Forschung zurückgezogen – um Schriftsteller zu werden.

Anstoß dazu gab Ihre damalige Lebensgefährtin, die Literaturprofessorin Diane Middlebrook. Die hatte sich in einen Literaten verliebt und sich von Ihnen getrennt. Als Reaktion schrieben Sie selbst: einen Roman über eine Frau, die einen klugen Mann verlassen will – und dabei einen großen Fehler macht. Anders als Dutzende Kurzgeschichten, Romane und Theaterstücke später haben Sie diesen Erstling nie veröffentlicht. Er wirkte aber nachhaltig. Sie haben Diane Middlebrook geheiratet. Und ein eigenes Literaturgenre begründet: "Science in Fiction" nannten Sie es.

Sie wurden Kunstsammler und Mäzen, Schriftsteller und Dramatiker. Sie hatten, als Jude von den Nazis aus Wien vertrieben, Ihre Heimat verloren. Der Kampf um Anerkennung wurde Ihr Antrieb. Sie warteten Jahr für Jahr auf den Nobelpreis – vergeblich. Sie hassten die Kritiker, die Ihnen die Anerkennung des Feuilletons versagten. Und Sie beschimpften jene, die Ihr Lebenswerk auf die Pille reduzierten.

Dabei blieb die Zukunft der Reproduktionsmedizin immer Ihr Thema. Sie prophezeiten die vollständige Trennung von Fortpflanzung und Sex – und stritten leidenschaftlich darüber, auch mit uns in der ZEIT-Redaktion. Ihre Vision: Frauen und Männer lassen ihre Keimzellen frühzeitig einfrieren und sich danach sterilisieren. Der Sex findet weiterhin meist im Bett statt, die Befruchtung im Labor. Sie betrachteten das als nächsten Schritt der Befreiung.

Auch Ihre letzte, die dritte Autobiografie beginnt mit einer Art Befreiung, mit Ihrem fiktiven Selbstmord – im Alter von 100 Jahren. In der Nacht zum 31. Januar sind Sie gestorben. 91 Jahre alt sind Sie geworden.

Wer Sie erlebt hat, kämpferisch, bissig, glänzend, kann sich des Gedankens nicht erwehren, dass Sie nicht nur über die Geburt, sondern auch über den Tod gern die Kontrolle gehabt hätten.

Ihr Andreas Sentker