Vielleicht werden wir, wenn all die Aufregung verflogen ist, wenn wir die Gesichter von Kathrin Oertel und Lutz Bachmann und all den anderen neuen Pegida-Halbprominenten längst wieder vergessen haben – vielleicht werden wir dann sagen: Eigentlich sind wir ganz froh, dass es Pegida gegeben hat. Ausrufezeichen.

Es spricht vieles dafür, dass Pegida jetzt allmählich von der Straße verschwindet. Die Anführer sind zerstritten, die Anhänger sehen müde aus. Und wenn Pegida lediglich eine Demonstration diffus wütender Dresdner gewesen wäre, lägen die Probleme damit hinter uns. Ich glaube nur, dass es so nicht ist.

Ich bin 27 Jahre alt, Ostdeutscher, und Pegida hat meinen Blick auf den Osten, meine Haltung zum Osten verändert. Vor Pegida habe ich den Osten verklärt. Ich habe mich in den vergangenen Jahren von einer "Hurra, die neuen Länder"-Stimmung anstecken lassen, die sicherlich ihre Berechtigung hatte. Der Osten hat die harten Zeiten hinter sich, dachte ich. Ein schöner Selbstbetrug.

Pegida ist mein großer Kopfschmerz, nach dem Rausch der letzten Jahre.

Was haben wir gefeiert! Die neuen Länder waren endlich zur Komfortzone geworden. Ich lebe in Leipzig, dieser Stadt, die in Sachen Hipness und Coolness eigentlich nur noch von ihrem eigenen Ruf getoppt wird. Uwe Tellkamp schrieb einen Roman, der Dresden endgültig in einen Sehnsuchtsort des deutschen Bürgertums verwandelte. Joachim Gauck aus Rostock wurde Sehnsuchtspräsident. Und Angela Merkel, die "Mutti" aus Templin, war plötzlich eine Regentin, die von der Welt zwar nicht geliebt, aber hoch geachtet wurde.

Doch jetzt ist da die bittere Erkenntnis: Auch Pegida gehört zu Ostdeutschland. Die Wut, die Unfreundlichkeit, die Kälte vieler Demonstranten gehören zu Ostdeutschland, ihre Ressentiments ebenso. Ich frage mich seit einigen Wochen, ob es nur mir so geht – dass sich die Enttäuschung über meinen Osten grenzenlos anfühlt.

Ja, verdammt, ich kannte auch die Schattenseiten! Ich kannte sie immer

Viele, denen ich von meiner Ostdepression erzähle, kommen mir mit Statistiken und Zahlen: Ob ich wirklich erst Pegida gebraucht hätte, um zu sehen, dass die Demokratie im Osten ihre Nöte habe? 20, 25, 30 Prozent der Ostdeutschen hätten dem parlamentarischen Verfassungsstaat ja innerlich gekündigt, sagt man mir, das stehe doch seit Jahren praktisch in jeder Studie zu diesem Thema. Mehr als die Hälfte der Ostdeutschen behaupte: Der Islam gehöre nicht hierher. War das nicht auch schon vor Pegida klar? "Was warst du denn naiv? Wussten wir nicht schon immer, dass ...?" Brauchtest du dafür erst diese Demos?, fragt man mich. DU BIST DOCH JOURNALIST!

Ja, sag ich dann, vom Erfolg der Pegida-Bewegung bin ich ja auch nicht im Kopf überrascht, sondern im Herzen. Ich sah mich als eine Art Markenbotschafter, als Herzensossi, als kritischer Liebhaber womöglich. Für mich war das Glas drei Viertel voll, minimum. Was war schon Leverkusen im Vergleich zu Chemnitz? Jetzt möchte ich so vorerst nicht mehr denken, denn Pegida ist (oder war) wie eine Art Grusel-Peepshow: Der wütende Bürger hat blankgezogen. Und man musste hinsehen, ob man wollte oder nicht.

Damit habe ich und haben alle anderen, die den Osten bislang eifrig verteidigten – auch die Westdeutschen, die hierhergezogen sind und den Osten daheim immer besonders hoch priesen – nun ein manifestes Problem. Man glaubt uns nicht mehr.