Was läuft da eigentlich zwischen der AfD und den Pegida-Gründern um Kathrin Oertel? Darüber wurde viel spekuliert, seit beide Seiten sich vor Wochen in Dresden zum offiziellen Gespräch getroffen hatten. Inzwischen scheint das Verhältnis wieder erkaltet. Einen Antrag Oertels auf Mitgliedschaft in der AfD habe man abgelehnt, behauptete Parteichef Bernd Lucke. Falsch, entgegnete nun Kathrin Oertel: Sie habe nie einen Mitgliedsantrag gestellt. Mit fünf Mitstreitern hat sie Pegida verlassen und einen neuen Verein gegründet, "rechts von der CDU" – ohne dabei einer Partei nahezustehen.

Viel interessanter als die Frage, ob Oertel und Co. einer Partei zuneigen, ist die Frage, wie sehr die Parteien inzwischen um Pegida-Anhänger werben. Denn tatsächlich scharwenzeln längst mehrere um die Reste der zerfallenden Bewegung. Die Pegida-Konkursmasse ist begehrt. Mit am heftigsten bemüht sich derzeit die Union um die Zuneigung der Pegida-Leute. Um Kathrin Oertel zu einem persönlichen Gespräch zu bewegen, war Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) zu einem erstaunlichen Zugeständnis bereit. Er ließ um Entschuldigung bitten für das, was er vor Wochen über die Pegida-Organisatoren gesagt hatte: "Rattenfänger". Und traf sich mit ihnen.

Vielleicht hat dies etwas mit der Oberbürgermeisterwahl in Dresden im kommenden Juni zu tun. Ulbig tritt da für die CDU an. Und kann auch die Stimmen von Pegida-Sympathisanten gut gebrauchen.

Aber diese will die SPD ihm und der CDU nicht kampflos überlassen. Sichtbar wurde das, als Parteichef Sigmar Gabriel überraschend in Dresden bei einer Diskussionsrunde mit Pegida-Anhängern auftauchte. Auch Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping und Wirtschaftsminister Martin Dulig (beide SPD) diskutierten schon mit erklärten Pegidisten. Was zumindest Dulig Anfang dieser Woche in die Bredouille brachte. Da hatte er sich eigentlich mit Anhängern und Gegnern der Bewegung in einen Stuhlkreis setzen wollen. Doch dann sagte Dulig den Termin kurzerhand ab. Er hatte erfahren, dass womöglich auch Kathrin Oertel und weitere ehemalige Pegida-Führungsleute mitreden wollten. Mit denen zu sprechen, hatte Dulig immer ausgeschlossen. Mit denen gar gemeinsam bei einer Veranstaltung fotografiert zu werden, das wollte er tunlichst vermeiden. "Ich nehme an, dass die provozieren wollten und möglicherweise PR machen für ihre neue Bewegung", sagt Dulig. "Frau Oertel will offenbar anerkannt werden, nicht länger in der Schmuddelecke stehen. Das ist okay. Aber ich kann ihr dabei nicht helfen."

Bis vor wenigen Wochen war es noch selbstverständlich gewesen – und nicht einmal der Rede wert –, wenn Politiker sich weigerten, mit Pegida-Anführern zu sprechen. Nun wird gerade diese Weigerung als Ding der Unmöglichkeit dargestellt. Hämisch wurde Duligs Absage kommentiert. Die deftigste Kritik kommt vom Koalitionspartner, von der CDU. "Ich kann gar nicht glauben, dass Martin Dulig diese Veranstaltung abgesagt hat. Man rennt doch nicht vor Leuten weg, die reden wollen", sagt Generalsekretär Michael Kretschmer. "Das ist unfassbar. Da frage ich mich: Geht’s noch?"

Nicht zuletzt die FDP – die 2014 aus dem Landtag flog – schöpft Hoffnung, von der Erbmasse der Pegida-Bewegung zu profitieren. Bislang hat sich Sachsens FDP-Chef Holger Zastrow weder eine Pegida-Demo noch den Gegenprotest auch nur angesehen. Nun will er sich dem Verein der Pegida-Abtrünnigen annähern. "Diese neue Bewegung ist für uns interessant", sagt Zastrow. "Mit denen will ich schon bald ins Gespräch kommen." Was auch an Kathrin Oertel liegt: "Ich habe, anders als bei Lutz Bachmann, keinen Zweifel an ihrer Integrität."

Und die AfD in Sachsen? Die ist Oertel gegenüber viel wohlwollender, als es Bundeschef Lucke nahelegte. Zwar wolle Frau Oertel kein Mitglied der AfD werden, bestätigt Generalsekretär Uwe Wurlitzer. Aber wenn Oertel es sich anders überlegt, könnte sie theoretisch Mitglied werden? Wurlitzer sagt: "Aus unserer Sicht spräche nichts dagegen."