Es war an einem Sonntagnachmittag in Berlin, 1928, vielleicht auch 1929. Da kam der "gestrenge Freund der Familie" vorbei und nahm die Söhne mit auf einen Besuch in die Nähe des Kurfürstendamms; zu wem, das sagte er nicht. Hinauf ging es die Treppen in ein oberes Stockwerk, dort in ein Atelier mit hohen Fenstern. "Es folgte eine Stunde, die trotz der Ungleichheit des Kreises jeden von uns mit gleicher Kraft durchdrang." So erinnerte sich der jüngste, damals achtjährige Sohn Jahrzehnte später an diesen geheimnisvollen Besuch – und daran, was ihm Besonderes dabei widerfuhr: "Den Jüngsten aber hiess der Gastgeber neben sich setzen und legte ihm die Hand am Schulteransatz auf den Hals." Es war der kleine Richard von Weizsäcker, der das erlebte – und jener ominöse Gastgeber, der sich vor allem mit dem älteren Bruder Carl Friedrich unterhielt, das war der 60-jährige Dichter Stefan George, der damals gerade in Berlin weilte.

"Die Herrschaft dieser Hand, die bezwingende Freundlichkeit dieser Geste, die unentrinnbare Einbeziehung in den nicht nach den gesprochenen Worten, aber nach seinem Rang begriffenen Augenblick sind dem Gedächtnis unveränderlich eingeprägt geblieben": Noch der 45-Jährige spürte später Georges Griff. So schrieb es jedenfalls der Chemiemanager Weizsäcker 1965 jenem "gestrengen Freund der Familie" namens Robert Boehringer, der einst diesen Besuch arrangiert hatte und der wiederum jene Firma Boehringer Ingelheim, in der Weizsäcker nun die Geschäfte führte, bis 1920 geleitet hatte.

Auch wenn jener Sonntagnachmittag Episode blieb, ist die Szenerie von spezieller Ironie für die deutsche Elitengeschichte: dort der Dichter-Führer George, der einen neuen, autoritären Staat herbeidichten wollte und um sich eine Schar kluger, hübscher Jünger sammelte, den George-Kreis – hier jener nachmalige Bundespräsident, der es tatsächlich sechzig Jahre später an eine demokratische Staatsspitze schaffen sollte. Und dahinter der reiche einstige Chemiefabrikant Boehringer als engster Jünger Georges, der später dessen Erbe verwaltete und seinem Meister immer wieder potenzielle Jünger zuführte. Boehringer hatte die Weizsäckers in Basel kennengelernt, wo der Vater Ernst ein paar Jahre als deutscher Diplomat arbeitete; seither war er zu deren "Familienbestandteil" mit Erziehungsaufgaben geworden, wie Sohn Richard es ausdrückte, inklusive intensiver George-Lektüren – Pädagogik im Geist des Auserwähltseins.

"Wer je die flamme umschritt / Bleibe der flamme trabant!" So lauteten die George-Verse aus Marion Gräfin Dönhoffs Lieblingsgedicht. Ihr enger Freund Richard von Weizsäcker wurde jedoch kein Trabant; die Hand des viele entflammenden Meisters hatte ihn nur eine Stunde lang berührt. Als Offizier im Zweiten Weltkrieg traf er zwar einmal den berühmtesten George-Jünger und späteren Hitler-Attentäter Claus von Stauffenberg: "Wir kamen auf George", natürlich. Doch ins Marschgepäck hatte der Offizier Richard von Weizsäcker nicht Georges Poesie gepackt, sondern vielstimmige Prosa, aus der man einiges über scheiternde Russlandfeldzüge lernen konnte: Leo Tolstois Krieg und Frieden.