Am Ende eines langen Gesprächs tritt der hohe Nato-Diplomat an eine Europakarte. Sie hängt an der Wand seines Büros im Brüsseler Hauptquartier der Allianz. Mit der rechten Hand zeigt der Diplomat auf die Grenze zwischen Estland und Russland. Hier, in seinen westlichen Militärbezirken, im Raum ostwärts des Baltikums, habe Russland starke Truppenverbände massiert.

Es ist Mitte Januar, in der Ostukraine eskalieren wieder die Kämpfe. Die Zahl der Toten steigt. Russland schickt immer mehr Waffen über die Grenze: Panzer, Artillerie und Luftabwehrraketen. Wladimir Putin befeuert damit auch die politische Debatte in Washington: Soll der Westen nun seinerseits Waffen an die ukrainische Regierung liefern? Einige Berater Barack Obamas plädieren dafür, aber noch zögert der amerikanische Präsident.

Seit Russland die Krim annektiert hat und pro-russische Rebellen die Waffen gegen die Regierung in Kiew erhoben haben, wächst auch in den baltischen Staaten die Unruhe. Estland und seine Nachbarn Lettland und Litauen fürchten, sie könnten das nächste Opfer russischer Aggression werden.

Die Nato-Planer in Brüssel verstehen diese Sorge. Die Überlegenheit der russischen Armee in der Region, sagt der Diplomat, sei erdrückend. Für Moskaus Armee wäre es ein Leichtes, das Baltikum komplett einzuschließen. Das Gebiet um Königsberg, südwestlich der drei baltischen Staaten, sei "die am stärksten militarisierte Region Europas".

Bei der Nato glaubt eigentlich niemand an eine offene russische Invasion. Estland, Lettland und Litauen sind Mitglieder der Allianz. Für sie gilt die Beistandsgarantie von Artikel 5 des Nato-Vertrages – anders als für die Ukraine, die dem westlichen Bündnis nicht angehört. Eilte die Allianz den Balten im Fall eines Angriffs nicht zu Hilfe, sie verlöre ihre Glaubwürdigkeit, die Daseinsberechtigung.

Ein Angriff könnte aber auch heimlich erfolgen. Noch einmal wendet sich der Diplomat seiner Landkarte zu, weist auf die Grenzstadt Narva im Nordosten Estlands. Neunzig Prozent der Einwohner seien Russen. Schürte Moskau unter ihnen Unruhen, käme es zu Ausschreitungen, zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, ertönte daraufhin ein Hilferuf an den Kreml, dann wäre das Dilemma für die Nato groß. Was tun, wenn ein Verteidigungsfall nicht vorliegt, wohl aber die Destabilisierung eines Mitgliedslandes nach dem Muster der Ostukraine droht? Wie handeln, wenn die Grenzen zwischen Krieg und Nichtkrieg zerfließen?

In der Ukraine wendet Wladimir Putin diese unkonventionelle, "hybride" Kriegsführung bereits an. Sie greift zu militärischen wie zu zivilen Mitteln, agiert mal offen, mal verdeckt; sie wird begleitet von Propaganda und Hackerangriffen, von wirtschaftlichem Druck und diplomatischen Vorstößen. Alles bleibt in der Schwebe.

"Russland hat die Unberechenbarkeit zu einem Markenzeichen seiner Strategie und seines Handelns gemacht", heißt es im Auswärtigen Amt.

Wie die Militärplaner in Brüssel zerbrechen sich auch die Diplomaten in Berlin den Kopf über die neue russische Herausforderung. Wie umgehen mit einer Bedrohung durch Unterwanderung und Mobilisierung unterhalb der Schwelle von Artikel 5? "Das ist eine konzeptionell schwierige und unerledigte Aufgabe." Im Kalten Krieg sei es hart zur Sache gegangen, aber unberechenbar sei die Sowjetunion nicht gewesen.

Der Kalte Krieg! Zu dem will niemand zurück, nicht in Berlin und nicht in Brüssel und natürlich auch nicht in Moskau und Washington. Bei aller Bedrohlichkeit der Kämpfe in der Ukraine: Die Welt ist weit entfernt von den Zeiten, da Ost und West – etwa in der Kubakrise – an der Schwelle zum nuklearen Inferno standen.