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Gegenüber, in der ehemaligen Haspa-Filiale, brennt Licht. Vor wenigen Monaten ist die Assahaba-Moschee eingezogen. An der Tür klebt ein Text: "Haben Sie keine Scheu, uns aufzusuchen, jeder ist bei uns herzlich willkommen!!!" Wer die Schuhe abstreift und auf den weichen Teppich tritt, hinein ins Warme, wird mit freundlichen Blicken empfangen. Ein neuer Bruder?

Auf dem Teppich hocken etwa 80 Männer, fast alle haben lange Bärte und tragen Gebetsmützen, manche sind in Gewänder gehüllt. Kaum einer wirkt älter als 30 Jahre. Viele verbergen hinter ihrem Bart noch ein halbes Kindergesicht. Sie schauen nach vorne, so konzentriert, wie es sich ein Lehrer nur wünschen kann.

Vorne an der Wand, die gen Mekka zeigt, sitzt ein Mann an einem Tisch und redet auf Deutsch in ein Mikro. Er sieht nicht alt aus und ist trotzdem der Älteste weit und breit, die ersten Haare in seinem Bart sind ergraut. "Letzte Frage!", sagt er. Arme gehen in die Höhe.

Für die jungen Zuhörer ist er: Abu Abdullah – ihr Prediger, ihr Gelehrter. Für den Verfassungsschutz ist er: Baher Ibrahim, 43 Jahre, aus Wilhelmsburg – ein radikaler Salafist. Eine Gefahr.

Am vergangenen Freitag griffen die Hamburger Verfassungsschützer zu einer seltenen Maßnahme. Sie stellten eine Meldung auf ihre Homepage, fünf Absätze lang, in der sie eindrücklich davor warnen, "Veranstaltungen des salafistischen Predigers Baher Ibrahim in der Assahaba-Moschee in Barmbek-Nord zu besuchen". Er versuche, die Sprache junger Menschen zu sprechen, um für die verfassungsfeindliche Ideologie der Salafisten zu werben. Er rufe zwar nicht direkt zur Reise in den heiligen Krieg auf, aber er spreche "verklausuliert und indirekt" immer wieder über den Dschihad. Die Teilnehmerzahl seiner Seminare wachse. Nur selten warnt der Verfassungsschutz derart deutlich.

Zehn junge Hamburger, die Ibrahims Unterricht gelauscht haben, sollen später in den bewaffneten Kampf gezogen sein, gen Syrien und Irak. Mindestens einer sei dabei gestorben. Von diesen Fällen haben die Sicherheitsbehörden erfahren. Die Dunkelziffer ist hoch. Ist Abu Abdullah also ein Prediger, der mit seiner weichen Stimme Hass sät? Ein Rattenfänger mitten in Hamburg?

"Letzte Frage", sagte der Prediger, doch immer wieder heben sich Arme. Ein junger Mann will wissen: Mein Vater und meine Mutter streiten sich, wer hat recht? Die Antworten des Predigers kommen immer sofort, er rattert sie herunter wie jemand, der über alles Bescheid weiß. Der junge Mann solle seinen Vater fragen: Vater, du sagst das, welche Beweise hast du? Und er solle seine Mutter dasselbe fragen: Welche Beweise hast du?

So ist das bei den Salafisten: Beweise spielen für sie eine wichtige Rolle. Beweise sind für sie in erster Linie alle Aussagen, die im Koran und der Sunna stehen, der Botschaft des Propheten.

Die jungen Männer fragen und fragen. Offenbar haben sie niemand anders, den sie fragen können. Dann beten sie.

Im Dezember traten die Verfassungsschützer an den Vorstand des Moscheevereins heran und berichteten ihm, welch zweifelhafte Person die Räume nutze. Baher Ibrahim gehöre seit mehr als 15 Jahren zur islamistischen Szene in Hamburg. Er predigte seinen radikalen Islam schon an mehreren Orten, zuletzt im Islamic Center, einer Moschee in St. Georg, wo man ihn vor die Tür setzte, auf Druck des Verfassungsschutzes.

Die Beamten haben nicht viele Möglichkeiten: Sie können den Prediger nur anzeigen, wenn er jemanden beleidigt, zu Straftaten anstachelt oder für eine terroristische Vereinigung wirbt – das alles vermeidet Ibrahim. Sie können ihn auch nicht ausweisen, denn er ist seit Anfang der neunziger Jahre mit einer deutschen Frau verheiratet und hat sechs Kinder. Sie können also nur beobachten und öffentlichen Druck aufbauen, wie sie es im Fall des salafistischen Predigers Pierre Vogel taten, der sich vergangenes Jahr in Hamburg niederlassen wollte und schnell wieder wegzog, nachdem ständig Reporter vor seiner Tür standen. Jetzt hoffen die Verfassungsschützer, dass der öffentliche Druck auch auf die kleine Moschee in Barmbek wirkt.

Doch der Moscheeverein Assahaba e. V. sieht die Sache anders. Man könne den Prediger "nicht immer wieder rausschmeißen", nur weil er bei vielen Jugendlichen beliebt sei, sagt der Vorsitzende Badr Hassan. Zu den Seminaren kämen viele Jugendliche, die "total in Ordnung" seien. Wenn Einzelne von ihnen Fehler machten, heiße das doch nicht, dass Ibrahim dafür verantwortlich sei. Wird der Prediger zu Unrecht beschuldigt? "Ja, das sehe ich so", sagt der Vorsitzende. "Warum wird er immer weggeschoben?" Ibrahim könne doch "eine gute Rolle spielen, weil viele Jugendliche ihn mögen".

Ein bisschen trotzig klingt der Moschee-Vorstand, womöglich auch ein bisschen naiv. Weiß er denn nicht, mit wem er es zu tun hat? Oder wissen es die Verfassungsschützer nicht?