Die zweitberühmteste Rede der Westberliner Geschichte verblüfft noch heute. Am 9. September 1948 sprach der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter vor dem Reichstag zu 300.000 Teilstadt-Bürgern. Eigentlich predigte er der Menschheit (West): "Ihr Völker der Welt [...]. Schaut auf diese Stadt, und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt!" Freiheitskampf! Sieg über die Macht der Finsternis!

Ein Volk der Welt, das amerikanische, ehrte Reuter, den champion of freedom, mit einer Briefmarke. Andere Völker mochte erstaunen, wie unverfroren Deutsche als Russenopfer auftraten. Wie ein Paravent schob sich der Kalte Krieg vor die hitlerdeutsche Vergangenheit. Berlin war das geteilte Deutschland im Kleinen. Kreml-Chef Nikita Chruschtschow nannte es den "Hodensack des Westens": "Wenn ich will, dass der Westen schreit, quetsche ich Berlin." Wie anders sein weltpolitischer Kontrahent in der berühmtesten Westberliner Rede. Am 26. Juni 1963 deklamierte US-Präsident Kennedy vom Balkon des Rathauses Schöneberg: "Ish bin ein Bearleener."

So steht es handgekrakelt auf Kennedys Karteikarte – zu besichtigen in der vorzüglichen Ausstellung West:Berlin. Eine Insel auf der Suche nach Festland im Ostberliner Ephraim-Palais. Auf drei Etagen verbindet die Exposition Aufklärung und Westalgie. Man begegnet Licht- und Schattengestalten: Willy Brandt und Heinrich Lummer, Rudi Dutschke und Axel Cäsar Springer, Rio Reiser und Harald Juhnke, dem Flusspferd Knautschke und dem Schah von Persien, bei dessen skandalösem Besuch am 2. Juni 1967 nicht nur der Student Benno Ohnesorg starb, sondern auch der Mythos von der freiheitlich geeinten Opferstadt. Fortan stellte das "Schaufenster des Westens" seine Widersprüche aus. West-Berlin war ein Ort modernen Bauens und der Hausbesetzer-Kultur, Frontstadt des Kalten Kriegs und Mekka bundesdeutscher Wehrdienst-Deserteure, Spießerparadies und Hort der Kommune 1. Es wurde filzig regiert und revolutionär erobert, es erlebte den Tunix-Kongress und die Tuwat-Bewegung, es bot das Café Kranzler und das Café Schlübper. Es musizierten Herbert von Karajan, das Rias-Tanzorchester und die Gebrüder Blattschuss, denn Kreuzberger Nächte waren lang, und der Insulaner verlor die Ruhe nicht.

Dann kam der 9. November 1989. Die Mauer fiel, alles war aus. "Der West-Berliner", resümierte Krimi-Autor Horst Bosetzky, "ist einem Einzelkind vergleichbar, dem [...] Puderzucker in den Arsch geblasen wurde, nun aber hat er nicht nur einen Zwillingsbruder bekommen, sondern auch die Familie ist wichtiger geworden als er." Beileid aus Pankow. Berlin, nun freue dich!

Die Ausstellung "West:Berlin" ist noch bis 28. Juni im Ephraim-Palais zu sehen.