In Cornwall wird allerhand an den Strand gespült. Meistens Müll, oft Treibholz, gelegentlich der Peilsender eines Thunfischs. In ihrem Garten im Städtchen Newquay hat Tracey Williams einen Haufen solchen Treibguts liegen, denn sie ist Strandgängerin. Schon immer gewesen. Als kleines Mädchen hat sie die Strände Nord-Cornwalls nach Fundstücken abgesucht. Heute räumt sie dort in ihrer Freizeit ein bisschen auf.

Im Spätsommer 2012 glänzte vor Williams’ Füßen eine gummiartige Tafel im Sand. Sie ist etwa einen halben Meter lang. "TJIPETIR" ist eingestanzt in großen Lettern. Google verriet Williams, dass Tjipetir auf der indonesischen Insel Java liegt, und wie warm es dort gerade ist, mehr nicht. Einige Wochen später entdeckte die Strandgängerin an einem zweiten Strand noch eine Tafel. Faszinierend, dass etwas Indonesisches in Cornwall auftaucht, dachte Williams. Sie versuchte, mehr über den Ort Tjipetir herauszubekommen. So stieß sie auf das sepiafarbene Bild eines dunkelhäutigen Jungen. Es stammte aus einer Sammlung des Tropenmuseums in Amsterdam. Der Junge stand neben mehreren Stapeln jener Tafeln, die Tracey Williams in Cornwall gefunden hat. Sie erfuhr, dass in Tjipetir, damals Teil von Niederländisch-Indien, vor rund hundert Jahren eine Plantage für Guttapercha betrieben wurde, einen gummiartigen Werkstoff. Per Schiff gelangte der Stoff von Java aus über die Weltmeere zur Weiterverarbeitung nach Europa.

Aus dem Milchsaft der Guttapercha-Bäume gewinnt man eine Art Kautschuk. Heute wird er nur noch in der Zahnmedizin eingesetzt, vor einem Jahrhundert aber war Guttapercha das Material der Stunde: Telegrafenkabel verbanden die Kontinente, mit Guttapercha wurden sie isoliert. "In diesem Moment wurde mir klar, dass meine Blöcke sehr alt sein könnten und möglicherweise aus einem Schiffswrack stammten", sagt Williams.

Warum landete nun dieses historische Gummi an englischen Stränden? Um ihre Schatzsuche bekannt zu machen, gründete Tracey Williams wenige Wochen nach ihrem ersten Fund eine Facebook-Gruppe: "TjipetirMystery". Was dann folgte, ist ein kleines Internetwunder. Bis heute sind bei Williams Hunderte Bilder von Tafeln eingegangen, angespült in Frankreich, den Niederlanden, Belgien, Deutschland – vor allem aber in England.

Dort wird Anfang 2013 eine andere Frau auf die Blöcke aufmerksam, Alison Kentuck. Sie kümmert sich von Berufs wegen um alles, was in englischen Hoheitsgewässern auftaucht. Sie hat das Amt des offiziellen Receiver of Wreck inne, was sich nur unzureichend als "Strandgutempfängerin" übersetzen lässt. "Ich beschäftige mich mit jedem Schrott, egal, ob er aus der Bronzezeit oder aus der Moderne stammt", sagt sie. Alleine 2014 haben sie und ihre Mitarbeiter rund 30.000 Gegenstände aus der See identifiziert und, wenn möglich, den Eigentümer benachrichtigt. Das versuchte sie auch im Fall der Gummitafeln. Eine offizielle Recherche rollte an.

Währenddessen suchte Tracey Williams auf eigene Faust weiter. Sie sprach mit Ozeanografen, Historikern und veröffentlichte Artikel in Schiffsmagazinen. Im Juli 2013 kam endlich der Durchbruch. Zwei verschiedene Schiffswrackexperten meldeten sich. Sie erklärten, dass in den letzten Monaten eine Firma Material aus einem gesunkenen japanischen Frachter namens Miyazaki Maru geborgen habe und dass bei dieser Bergungsaktion weite Teile der Ladung in die See gespült worden seien, erklärt sie.

Die 8.500 Bruttoregistertonnen schwere Miyazaki Maru liegt seit Mai 1917 vor Cornwall auf dem Meeresgrund. Der Frachter war unterwegs von Yokohama nach London, als er dem U-Boot U-88 unter dem deutschen Kapitänleutnant Walther Schwieger begegnete. Ein Torpedo versenkte das Schiff, acht Menschen ertranken.

Auf der Ladeliste des geschichtsträchtigen japanischen Frachters stand auch Guttapercha. Etwa zur selben Zeit kamen Tracey Williams und Alison Kentuck deshalb zu dem Schluss, dass die Gummitafel-Schwemme mit dem Untergang der Miyazaki Maru zusammenhängen könnte. Als das Wrack bei der Bergungsaktion im Jahr 2012 aufgebrochen wurde, mussten sich die Blöcke vom Schiff gelöst haben. Seither tauchen sie überall dort auf, wo der Ozean sie hinträgt.

Rätsel gelöst? Mittlerweile haben sich auch Strandgänger bei Tracey Williams gemeldet, die schon vor 20 Jahren Tjipetir-Tafeln gefunden haben – zu früh, als dass sie aus der Miyazaki Maru stammen könnten. Deshalb vermuten auch die staatlichen Treibgutanalysten um Alison Kentuck, dass irgendwo mindestens ein weiteres Wrack liegt, das Gummitafeln verliert. Sogar die Titanic galt einigen Rechercheuren als Quelle. Die liegt vor Neufundland, und hatte laut Williams, die die Ladelisten studiert hat, tatsächlich Guttapercha geladen. Es ist also möglich, dass auch das berühmteste aller Wracks Gummitafeln verliert.

Und weil der Name Titanic ein Zauberwort ist, muss Williams Anfragen aus aller Welt managen. Sie will ein Buch über das Geheimnis schreiben, gerade entsteht ein Film, auf den man in einer indonesischen Stadt namens Cipetir schon gespannt wartet. Während weitere Tafeln angeschwemmt werden, träumt Tracey Williams davon, dass ein Wracktaucher sie mitnimmt zur Miyazaki Maru, der Quelle des Gummimysteriums, das ihr an einem Sommertag vor die Füße gespült wurde.

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