Unter aufgeklärten Leuten ist es ein Allgemeinplatz, dass jede, jeder von uns imstande ist zu töten. Aber außer Jugendpsychologen hat kaum jemand jene emotional und intellektuell aufgewühlte Lebensspanne erforscht, in der jeder von uns alles sein und vor allem alles tun kann. Bei jungen Männern liegt sie meist zwischen dem siebzehnten und achtzehnten Lebensjahr, bei jungen Frauen zwischen fünfzehn und sechzehn; Martyrium und Mord liegen dann manchmal nur einen Lidschlag auseinander. In diesem gefährlichen Lebensabschnitt hat die irische Autorin Tana French ihren faszinierenden Kriminalroman Geheimer Ort angesiedelt.

Fünfzehn waren die Mädchen der beiden miteinander rivalisierenden Quartette im katholischen Nobelinternat St. Kilda, als dort im Park der attraktive Chris Harper vom "zwei extrahohe Mauern" entfernten Jungeninternat mit eingeschlagenem Schädel aufgefunden wurde. Jetzt, ein Jahr ohne Ermittlungsfortschritt später, ist am "Geheimnisort", einem schwarzen Brett für anonyme Herzensergüsse, eine Postkarte aufgetaucht, auf der eine St.-Kilda-Schülerin behauptet: "Ich weiß, wer ihn getötet hat." Das ist die Chance für den Endzwanziger Stephen Moran, der, in der Abteilung für ungelöste Fälle abgestellt, darauf lauert, zu den Besten aufzusteigen, in die Mordkommission. An ihn wendet sich Schülerin Holly mit dem Beweismittel. Sie vertraut dem einfühlsamen Stephen wegen eines früheren Falles und weiß als Tochter eines Detectives, wie man mit Polizisten umgeht, wie man sie manipuliert und benutzt.

Das Verhältnis Stephen/Holly ist nur eine der köchelnden Figurenkonstellationen, mit denen French das Spannungsgeflecht in einen Irrgarten aus Lügen, Halbwahrheiten und Selbsttäuschungen verwandelt. Icherzähler Stephen und seine bizarr autokratische Vorgesetzte Conway haben kaum mehr als einen Tag Zeit, um die acht als Zeuginnen infrage kommenden Mädchen aus den beiden Cliquen zu vernehmen. Unterbrochen von Rückblenden in die Wochen vor Chris’ Ermordung, lässt French in den Verhören acht zickende, träumende, verliebte, verschworene, schlaue Teenies als Individuen plastisch werden – ein Erzählkunststück ersten Ranges. Die Ereignisse eines Jahres, zusammengepresst in einen Tag der Vernehmungen an einem gefängnisähnlichen Ort – da ballen sich die pubertären Energien wie im Teilchenbeschleuniger zu Urknallkräften. Selbst auferlegte Schwüre wie der zu freiwilliger Keuschheit wirken wie Deckel auf dem Dampfkochtopf. Mord, Gewalt, Liebesexzess, Selbstopfer – alles ist in der Luft. Seit ihrem ersten Roman Grabesgrün (2007) wird Tana Frenchs Erzähltalent trotz Neigung zu Weitschweifigkeit und Metaphernplüsch gelobt, aber mit ihrem fünften Roman Geheimer Ort ist ihr ein Koloss von klassizistischer Stringenz gelungen: Von 700 Seiten – bravourös übersetzter – Prosa möchte man keine missen.