Bei Tom Stoppard geht es immer ein bisschen um alles. Auch sein neues, gerade am Londoner National Theatre uraufgeführtes Stück The Hard Problem handelt von einigen ersten und möglicherweise letzten Dingen. Als vor der Premiere die britische Boulevardpresse bei ihm anfragte, antwortete der jetzt 77-jährige Schriftsteller, der mit seiner dichten Lockenmähne an einen attraktiv gealterten Rockstar erinnert, sarkastisch lapidar: "Das 'harte Problem' betrifft keine Erektionsstörungen."

Tatsächlich geht es um Hirnforschung und, nebenbei, auch um Hedgefonds. Um wissenschaftliche und wirtschaftliche Macht. The Hard Problem spielt in einem Forschungsinstitut, das ein Investmentmilliardär finanziert, und das Problem liegt im umstrittenen Gegensatz von Gehirn und Geist. Warum sollte es keine Unterscheidung mehr geben zwischen matter and mind, warum soll Ethik bloß auf Genetik beruhen und der freie Wille nur mehr Einbildung sein, fragt die junge, für harte Hirnmaterialisten und "Naturalisten" gleichwohl aufreizend altmodische Protagonistin Hilary. Sie glaubt als Psychologin noch an die gute Seele und gar an Gott. Ihr Freund Spike, ein klarer Materialist, nennt das einen Spleen. Statt Biophysik nur Metaphysik.

Ein harter Stoff, denkt man. Doch bei Stoppard ist alle Theorie auch ein Spaß. Seine Komödie der kognitiven Konflikte ist auf Monate hinaus ausverkauft, und es wird in der Aufführung sehr viel gelacht. Stoppard, der 1937 in der Tschechoslowakei geborene Sohn einer vor den Nazis geflohenen jüdischen Familie, der seine Kindheit in Singapur und Indien verbrachte, gleicht als Dramatiker einem Verführer. Ob er von Revolutionen oder Liebesaffären, von Weltideen oder privatem Begehren erzählt – er schafft ein komplexes Gespinst aus wechselnden Zeiten, Sphären, Themen. Mit pointensicherem Witz gesponnen, ist dieses Gewebe dann trotz gelegentlicher Überfrachtung ziemlich reißfest und allemal luftig.

Die Geschichte klopft an, doch als Torwächter herrscht der Zufall

Brecht hat einmal gesagt, die größte Kunst sei, das Schwere leicht zu machen. Stoppard ist kein Brechtianer, obwohl er jenen Satz schätzt. Seine Magneten sind Shakespeare, Tschechow, Camus und Beckett. Am Ende seiner zwischen 1833 und 1868 in Moskau, London, Paris und am Genfer See angesiedelten Riesentrilogie Die Küste Utopias sagt der russische Frühsozialist und Dichter Alexander Herzen wider alle kommunistischen Lehren der gleichfalls auftretenden Herren Bakunin und Marx: "Geschichte klopft jeden Augenblick an tausend Toren an, und der Torwächter ist der Zufall." Was aber tun? Das Los sei: "Weiterzumachen und zu wissen, dass es keine Landung am Ufer des Paradieses gibt. Und trotzdem weiterzumachen." Wie Camus’ Sisyphos oder Becketts Figuren, die immerzu scheitern, um besser zu scheitern.