Schon Goethe hat in der Kunsthandlung C. G. Boerner eingekauft, die 1826 in Leipzig gegründet wurde. Mittlerweile operiert sie in zwei Galerien, in Düsseldorf und New York – eine Spitzenadresse für Arbeiten auf Papier von der Renaissance bis zur Moderne. Im Angebot ist unter anderem eine traumschöne Druckgrafik von der amerikanischen Impressionistin Mary Cassatt. Sie kam als junge Künstlerin nach Paris, wo sie sich mit Edgar Degas befreundete und viel Zeit in den Museen verbrachte, um die Alten Meister zu studieren. Sie zeichnete, malte in Öl, aber sie war auch eine begnadete Druckgrafikerin. Wie Degas war sie schwer beeindruckt, als 1890 in Paris japanische Holzschnitte ausgestellt waren.

Den Einfluss des "Japonisme", der die europäische Kunst um diese Zeit befruchtete, prägt auch ihr Blatt Die Anprobe aus demselben Jahr: Man spürt es in der Asymmetrie des Hochformats, in der souveränen Flächigkeit der Komposition, in der ernsten, vornehmen Stille. Eine Frau bückt sich, um den Saum eines Kleides zurechtzustecken. Die andere Frau wartet geduldig und wendet sich dabei von ihrem eigenen Spiegelbild ab. Fast wirkt es so, als ob sich vor ihrem inneren Auge schon die Gelegenheit abspielt, zu der sie plant, ebendieses Kleid zu tragen. Oder hat sie in Gedanken den betreffenden Abend schon erlebt und ist jetzt ein bisschen enttäuscht, dass sie der großen Liebe immer noch nicht begegnet ist?

Die Kunst von Mary Cassatt ist sehr begehrt. Davon zeugt auch ihr Preis: Die Anprobe kostet 250.000 Dollar.

Lisa Zeitz ist Chefredakteurin von "Weltkunst" und "Kunst und Auktionen".