Müssen wir ein neues Naturgesetz lernen? Ein Gesetz, das lautet: Je größere Schlagzeilen Forscher produzieren, umso zweifelhafter sind ihre Ergebnisse? Diesen Eindruck kann man in letzter Zeit durchaus gewinnen, nicht nur in der Biomedizin oder Psychologie, sondern auch in "harten" Fächern wie der Physik. Jüngster Beleg: die Entdeckung urzeitlicher Gravitationswellen, die im vergangenen März euphorisch gefeiert wurde – und sich nun als Flop entpuppt.

Von einer "der größten wissenschaftlichen Entdeckungen" schwärmten Forscher damals. Auch die ZEIT hatte darüber berichtet, dass amerikanische Astrophysiker mit dem Bicep2-Teleskop am Südpol "primordiale" Gravitationswellen gefunden haben wollten, die aus der Zeit des Big Bangs vor knapp 14 Milliarden Jahren stammten. Die Daten belegten angeblich auch zum ersten Mal die Theorie der "kosmischen Inflation"; kein Wunder, dass die scientific community aus dem Häuschen war.

Allerdings war das vermeintliche Jahrhundertergebnis bei keiner Fachzeitschrift eingereicht, geschweige denn begutachtet worden – das wurde, auch in der ZEIT, kritisch vermerkt. Erst die Daten des Planck-Satelliten, so hieß es damals, würden für Klarheit sorgen. Nun ist die Klarheit da: Die Bicep2-Forscher haben keinesfalls primordiale Gravitationswellen aufgefangen, sondern, wie Plancks Daten zeigen, nur Störsignale von interstellaren Staubwolken. Eine peinliche Pleite für die Astrophysik, die an den Fall der "überlichtschnellen Neutrinos" erinnert. Auch die wurden 2011 weltweit bejubelt – bis sich herausstellte, dass ein loses Kabel einen Messfehler erzeugt hatte.

Genauso wie die Neutrino-Forscher müssen sich nun auch die Bicep2-Physiker den Vorwurf gefallen lassen, ihre Resultate vorschnell hinausposaunt zu haben. Hätten sie nicht so lange warten sollen, bis ihre Arbeit begutachtet und publiziert ist? Diese Forderung ist nachvollziehbar, stürzt die Wissenschaftler aber in ein Dilemma: Denn spektakuläre Forschungsergebnisse lassen sich heutzutage kaum unter dem Deckel halten, insbesondere nicht von großen Teams. Ein unachtsamer Tweet, und die Sache ist in der Welt.

Um wenigstens die Deutungshoheit zu behalten, gehen Forscher deshalb (zu) früh an die Öffentlichkeit. Das gilt ebenso für das Planck-Team und dessen Abgesang an die vermeintlichen Gravitationswellen. Auch diese Pressemeldung wurde verschickt, bevor ihre Arbeit veröffentlicht war (zumindest ist sie bei Physical Review Letters eingereicht).

Einen Vorwurf muss man den Bicep2-Forschern dennoch machen: Sie hätten seinerzeit bei ihrer aufsehenerregenden Pressekonferenz die Wenns und Abers deutlicher benennen müssen. Das hätte zwar damals die Euphorie gebremst – aber jetzt den Spott gemildert.