Als sie in das Geisterdorf fährt, geht Petra Rösch vom Gas. Verstohlen wischt sich die 59-Jährige über die Augen und fährt dann langsam die menschenleere Dorfstraße entlang. Rechts und links stehen die Reste von Häusern, dazwischen wuchert Gestrüpp. Wind heult durch leere Gassen, Krähen flattern zwischen den verlassenen Ruinen umher. "So sieht das aus, wenn die Braunkohle die Menschen vertreibt", sagt die Unternehmerin mit belegter Stimme. Fast jede Fensterscheibe ist eingeschlagen, und auf den Fassaden der Gebäude haben sich die Sprayer verewigt. Auf einer Wand steht groß: "Naturpark Vattenfall – Danke Schweden."

Hier in Haidemühl in der Lausitz, gut anderthalb Autostunden südöstlich von Berlin, lebten einmal um die 600 Menschen in schmucken Häuschen mit großen Gärten. Doch in ein paar Jahren wird das Dorf ganz verschwunden sein. Geschluckt von dem monströsen Loch nebenan, das sich so unaufhörlich nähert wie das Nichts in Michael Endes Unendlicher Geschichte: der Braunkohletagebau Welzow-Süd I des schwedischen Energieversorgers Vattenfall. Die früheren Bewohner Haidemühls wurden dafür umgesiedelt. "Oder sie liegen schon im Grab", sagt Petra Rösch. "Ich habe das so oft erlebt: Nach den Umsiedlungen werden als Erstes die Friedhöfe voll."

Rösch selbst wohnt nur einen beherzten Tritt aufs Gaspedal entfernt, wenige Kilometer westlich vom Rand des Abgrunds: in Proschim, Haidemühls Nachbardorf. Nachts hören sie hier manchmal schon die Förderbänder von Welzow-Süd rattern. "Ich habe mir geschworen: Mein Haus soll nie so aussehen wie die hier. Wir lassen nicht zu, dass sie unsere Heimat verheizen", sagt sie und ballt die Faust. "Wir wollen keine Kohlevertriebenen werden. Dann finden wir nie wieder eine Heimat. Das wird alles verwüstet, zerstört – für immer."

Die Kohle liefert zuverlässig Energie, und das zu relativ niedrigen Preisen

Geht es nach Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, wird genau das passieren. Dann wird auch Proschim bald weggebaggert. Denn Gabriel kämpft dafür, dass der Braunkohlebergbau in der Lausitz noch möglichst lange weiterbetrieben werden kann. Damit würde nicht nur die Heimat von Frau Rösch weggeräumt. Es würde Natur in Abgründen verschwinden, weitere Dörfer würden von der Braunkohle weggefressen und so das Schicksal der 130 Ortschaften mit insgesamt mehr als 30.000 Einwohnern teilen, die schon verschwunden sind. Es würde die Trinkwasserversorgung des nahe gelegenen Berlin gefährdet, zumindest fürchten das die Abgeordneten der Hauptstadt. Und all das würde passieren, obwohl selbst der jetzige Betreiber des Bergbaus, der schwedische Energiekonzern Vattenfall, gar kein Interesse mehr an seiner Braunkohlesparte hat. Er will sie im Gegenteil möglichst schnell loswerden. Sie schadet seiner Klimabilanz zu sehr.

Für Gabriel zählt ein Argument mehr: Jobs! Im Tagebergbau der Lausitz arbeiten 8.000 Kumpel und damit ebenso viele potenzielle SPD-Wähler. Die würden bei einem Ende des Bergbaus arbeitslos, und das will der Minister verhindern.

Damit aber wird der Kampf um die Zukunft der Lausitz zum Paradebeispiel: für die Widersprüche der deutschen Energiepolitik.

Und für die des Wirtschaftsministers.

Gabriel kennt sich in der Energie- und Klimapolitik aus. Früher hat er als Umweltminister noch selbst für harte Klimaziele gestritten. Und im vergangenen Jahr, da war er schon Wirtschaftsminister, hat er die Ziele wieder bestätigt. Bis 2050 soll Deutschland seinen Ausstoß an Treibhausgasen um mindestens 80 Prozent gegenüber 1990 reduzieren. Und schon ab 2035 soll mehr als die Hälfte der Elektrizität aus regenerativen Energien kommen.

Gabriel steht offiziell zu diesem Plan, denn er weiß: Der Klimawandel ist nur mit ehrgeizigen Zielen zu stoppen. Und er weiß auch: Nichts gefährdet diese Vorsätze mehr als die Verstromung von Braunkohle. Die liefert zwar zuverlässig Strom zu relativ niedrigen Kosten. Aber Braunkohle ist auch der schmutzigste aller fossilen Energieträger: Verfeuert man sie, wird mehr Kohlendioxid pro erzeugter Kilowattstunde frei als bei jedem anderen Brennstoff. Die Braunkohleverstromung, so könnte man auch sagen, ist die größte Gefahr für die Klimapolitik. Und damit für die Energiewende.

Eigentlich müsste der Minister also ein großes Interesse daran haben, den Abbau und die Verbrennung dieser Kohle einzudämmen. Auch in der Lausitz. Schließlich bedeutet jede neue Grube weitere Millionen Tonnen an CO₂-Emissionen – auf Jahrzehnte hinaus. Dazu kommt: Die Kohle, die in den Kraftwerken der Lausitz verfeuert wird, in der Schwarzen Pumpe, in Jänschwalde und Boxberg, schadet dem Klima sogar besonders. Denn diese Meiler gehören zu den größten Europas. Eigentlich müsste Gabriel sich also besonders dafür einsetzten, dass die dortige Kohleverstromung bald beendet und dass keine neuen Gruben mehr eröffnet werden.

Tatsächlich gäbe es dafür sogar eine Chance.

Um das zu verstehen, muss man nach Stockholm schauen. Dort liegt die Zentrale von Vattenfall. Ende Oktober hat der Konzern überraschend verkündet, die ostdeutschen Bergbauaktivitäten zum Verkauf anzubieten. Das hat politische Gründe, denn Vattenfall gehört dem schwedischen Staat, und der wird seit Oktober 2014 von einer rot-grünen Koalition regiert. Die wiederum hat im Wahlkampf versprochen, den Klimaschutz künftig ernster zu nehmen – auch bei den staatseigenen Unternehmen. Und da nichts Vattenfalls Klimabilanz so sehr ruiniert wie das ostdeutsche Braunkohlegeschäft, hält der Konzern seither Ausschau nach einem Käufer. Damit aber stellt sich automatisch die Frage, wie lange in der Lausitz überhaupt noch gebaggert wird.

Sozialdemokraten sind stolz auf ihre aktive Industriepolitik. Doch wie aktiv sollte sie sein, wenn es um einzelne Unternehmen geht? Und wie glaubhaft ist Klimapolitik, wenn sie sogar dort, wo sich die Chance auf einen Ausstieg aus der Kohleverstromung ergibt, aktiv dagegen arbeiten?

Gabriel entschied in diesem Fall eindeutig. "Lieber Stefan", schrieb er dem schwedischen Premier Stefan Löfven am 13. Oktober in einem vertraulichen Brief, der der ZEIT vorliegt. "Wir sind tief überzeugt, dass wir nicht gleichzeitig die Atomkraft und die kohlebasierte Stromerzeugung aufgeben können." Und weiter heißt es: "In diesem Licht würde ich gerne Deine Aufmerksamkeit auf einige Themen lenken, die Vattenfalls Aktivitäten in Deutschland betreffen, konkret die Zukunft der Tagebauaktivitäten von Vattenfall Mining&Generation Europe in Welzow Süd II und Nochten II." Das sind zwei Gruben, die noch neu erschlossen werden könnten. Dann bittet Gabriel explizit darum, dass weiter investiert und "Erschließungsarbeiten" fortgesetzt werden. "Ich wäre dankbar, wenn Du Deinen Einfluss nutzen würdest, um dies geschehen zu lassen", schließt das Schreiben. Es gehe schließlich um bis zu 8.000 direkte und weitere 16.000 indirekte Arbeitsplätze.

Am 12. Dezember reist Gabriel dann sogar persönlich nach Stockholm, schläft im Bommersvik, dem Gästehaus der dortigen sozialdemokratischen Schwesterpartei. Er redet lange mit Löfven. Es geht unter anderem darum, ob Vattenfall investiert, damit die Gruben weiterbetrieben und neue erschlossen werden. Löfven zeigt Verständnis. Er war einst Facharbeiter für Schweißtechnik, hat die schwedische Industriegewerkschaft IF Metall geführt. Arbeitsplätze sind ein wichtiges Argument für ihn. Nur: Der Schwede regiert mit den Grünen, nicht mit den Konservativen. Schon deswegen muss er die Klimapolitik ernster nehmen als sein deutscher Genosse. Sein Spielraum für Gefälligkeiten ist begrenzt. Und so fliegt Gabriel nach Hause, ohne dass ihm Löfven öffentlich etwas versprochen hat. Auf der Pressekonferenz bleibt der freundlich, aber unverbindlich.

Seither ist es still. Im Wirtschaftsministerium und in der Zentrale von Vattenfall. Nur in der Lausitz, da hoffen seither die Kumpel.