DIE ZEIT: Herr Varoufakis, Sie haben innerhalb weniger Tage halb Europa gegen sich aufgebracht. War das so geplant?

Yanis Varoufakis: Ich glaube, das ist normal. Es braucht Zeit, bis überall verstanden worden ist, dass sich in der EU eine sehr grundlegende Veränderung stattgefunden hat.

ZEIT: Welche Veränderung?

Varoufakis:Europa war auf die Krise in Griechenland nicht vorbereitet und hat Entscheidungen getroffen, die alles nur noch schlimmer gemacht haben. Jetzt gleicht die EU einem Spielsüchtigen, der dem guten Geld schlechtes hinterherwirft. Wir sind nicht in der Lage, zu sagen: Stopp! Haben wir etwas falsch gemacht? Haben wir diese Krise vielleicht falsch verstanden?

ZEIT: Haben wir das? Die griechische Wirtschaft ist doch in letzter Zeit wieder gewachsen.

Varoufakis: Rein statistisch betrachtet vielleicht. Doch in Wirklichkeit fallen die Einkommen und die Preise. Die bisherige Krisenpolitik hat überall in Europa die politischen Kräfte am rechten Rand gestärkt, in Griechenland, in Frankreich, in Italien. Wir brauchen einen Kurswechsel.

ZEIT: In Deutschland fürchten viele, dass dies eine Ausrede ist, um Reformen zurückzudrehen.

Varoufakis: Die Deutschen müssen verstehen, dass es keine Abkehr vom Reformkurs bedeutet, wenn wir einem Rentner, der von 300 Euro im Monat lebt, zusätzlich 300 Euro im Jahr geben. Wenn wir von Reformen sprechen, dann sollten wir über Kartelle reden, über reiche Griechen, die kaum Steuern bezahlen. Warum kostet ein Kilometer Autobahn bei uns dreimal so viel wie in Deutschland?

ZEIT: Warum?

Varoufakis: Weil wir es mit einem System der Vetternwirtschaft und Korruption zu tun haben. Darum müssen wir uns kümmern. Stattdessen debattierten wir über Öffnungszeiten von Apotheken.

ZEIT: Viele Regierungen haben versprochen, etwas gegen diese Missstände zu tun. Geschehen ist wenig. Weshalb sollte man Ihnen vertrauen?

Varoufakis: Sie sollten uns nicht vertrauen. Aber Sie sollten uns zuhören. Hören Sie sich an, was wir zu sagen haben, und lassen Sie uns dann unvoreingenommen darüber diskutieren.

ZEIT: Sie sind neu im Amt, die meisten Kabinettsmitglieder haben keine Regierungserfahrung. Wie wollen Sie das alles schaffen?

Varoufakis: Wir mögen unerfahren sein, aber wir sind nicht Teil des Systems. Und wir werden uns beraten lassen. Wir haben José Ángel Gurría angesprochen, den Generalsekretär der Industrieländerorganisation OECD. Er soll uns helfen, ein Reformprogramm zusammenzustellen.

ZEIT: Ihre Regierung hat Tausende von Beamten neu eingestellt. Ist dies das neue Griechenland?

Varoufakis: Wir haben noch überhaupt niemanden eingestellt. Wir haben angekündigt, dass wir uns eine Reihe von Entlassungen im öffentlichen Dienst anschauen wollen, die unter fragwürdigen Umständen ausgesprochen wurden. Wenn wir diese Menschen wieder einstellen, dann weil die Begründung für ihre Entlassung nicht überzeugt.

ZEIT: Die Begründung war: Das Geld fehlt.

Varoufakis: Das überzeugt mich nicht. Ein Beispiel: Unsere Schulen werden ausgeplündert, weil die Sicherheitsleute ihren Job verloren haben. Ist das eine sinnvolle Sparmaßnahme? Wir entlassen die Sicherheitskräfte, und in der Nacht können die Schulcomputer geklaut werden.

ZEIT: Lassen sich diese Probleme nicht lösen, ohne den Staatsapparat aufzublähen?

Varoufakis: Wir blähen ihn nicht auf. Wenn wir merken, dass wir zu viele Leute haben, werden wir gegensteuern und etwa frei werdende Stellen nicht mehr besetzen. Als ich noch an der Universität von Athen gearbeitet habe, gab es dort eine Putzfrau mit Namen Anthoula. Wir mussten oft bis Mitternacht arbeiten. Anthoula machte – obwohl sie längst Feierabend hatte – nach uns sauber und schloss uns am nächsten Morgen die Räume auf. Raten Sie, wer im Rahmen des Sparprogramms zuerst entlassen wurde? Anthoula.

ZEIT: Kann sich Politik an solchen Einzelschicksalen orientieren?

Varoufakis: Nein. Aber das Beispiel von Anthoula steht für die Situation in Griechenland. Die Reformen waren ineffizient und ungerecht. Deshalb habe auch ich die Wiedereinstellung der Putzfrauen in meinem Ministerium angeordnet.

ZEIT: Also von jenen Frauen, die seit Monaten in Athen gegen ihre Entlassung protestieren und zum Symbol der Krise geworden sind?

Varoufakis: Genau. In meinem Ministerium haben die Vertreter der Troika ...

ZEIT: … die Inspekteure der EU ...

Varoufakis: … die sogenannten Reformen ersonnen. Diese Leute haben nicht etwa hoch bezahlte Berater entlassen, sondern Putzfrauen, die nachts die Räume und Toiletten gesäubert haben. Frauen über 50, die mit 500 Euro im Monat nach Hause gegangen sind. Diese Entscheidung ist moralisch verwerflich. Und bevor Sie nachfragen: Das Geld werden wir an anderer Stelle einsparen – indem wir die Verträge der Berater nicht verlängern.

ZEIT: Syriza hat im Wahlkampf ein milliardenschweres Ausgabenprogramm angekündigt. Das geht ohne neue Schulden?

Varoufakis: Es muss gehen. Ich verspreche Ihnen: Griechenland wird – abzüglich der Zinsausgaben – nie wieder ein Haushaltsdefizit ausweisen. Nie, nie, nie!

ZEIT: Warum mussten Sie dann die EU-Troika aus dem Land werfen?

Varoufakis: Was ist die Troika? Eine Gruppe von Technokraten, die die Umsetzung der Reformprogramme überwacht. Wir sind gewählt worden, weil wir die Logik ihrer Programme nicht mehr hinnehmen. Sie haben unser Land ruiniert. Die Troika hat nicht das Mandat, mit uns über eine andere Politik zu verhandeln. Das bedeutet aber nicht, dass wir mit unseren Partnern nicht mehr zusammenarbeiten.