Der Professor, der den Menschen bei der wichtigsten Entscheidung ihres Lebens hilft, hat selbst eine außergewöhnliche getroffen. Ein rotes Haus. Dort, wo Hamburg eigentlich weiß ist. In Harvestehude, am Innocentiapark. Jugendstilvillen säumen wie Perlen den Weg, vornehm und streng. Und dann dieses Rot. Eine Signalfarbe, großflächig aufgetragen, in der zurückhaltenden Ursprungsfarbe blieben nur die Ornamente. Die Nachbarn schimpften. Eine Villa habe weiß zu sein, genau wie ein Schiff. Aber der Professor war sich seiner Sache sicher. Um richtig zur Geltung zu kommen, braucht jede Farbe ihre Ergänzung, und Weiß und Rot, das ist die perfekte Kombination.

Mit der Frage, wer zu wem passt, kennt sich der Professor aus wie sonst nur wenige in Deutschland. Hugo Schmale, 83 Jahre alt und Psychologe, hat in den Sechzigern den ersten Partnerschaftstest für eine Zeitschrift mitentwickelt, in den Achtzigern eine Ehevermittlung beraten und im Jahr 2000 zusammen mit anderen den Onlinedienst Parship gegründet, mit dem Menschen die Liebe finden können. Neulich im Restaurant Le Canard an der Elbchaussee, als Schmale gerade dabei war zu gehen, sprang ein Paar auf. "Sind Sie nicht ...?", fragte der Mann, und Schmale nickte. "Danke", sagte der Mann, "danke, dass Sie uns zusammengebracht haben!"

Diese Episode erzählt Schmale an einem kalten Januartag. Draußen fällt der erste Schnee, drinnen sitzt Schmale in seinem Arbeitszimmer, auch hier sind die Wände rot. Der Mann, der möglicherweise Hunderttausende von Menschen vor der Einsamkeit bewahrt hat, lebt allein, aber umgeben von Gegenständen, die er liebt. Den Boden bedeckt ein Teppich aus Indien, auf dem Tisch liegt ein Briefmesser mit einem hölzernen Griff. Schmale, der an der Uni Hamburg lehrte, bekommt viel Post. "Die Menschen", sagt der Psychologe, "sind tief verunsichert, was die Liebe angeht. Heute mehr denn je. Es fehlen ihnen klare Kriterien, was Liebe ist und was das fürs Zusammenleben bedeutet."

Es war die Liebe zu einer Französin, die Hugo Schmale zu seiner Lebensaufgabe führte. Eigentlich war Schmale in München für Literatur- und Theaterwissenschaften eingeschrieben, da begegnete ihm in einem Café diese wunderbare Frau. Sie war Psychologie-Studentin, und weil Schmale möglichst viel Zeit mit ihr verbringen wollte, begleitete er sie zu einem Kurs.

Es war ein Beobachtungsseminar, der Professor wollte die Aufmerksamkeit seiner Studenten schulen und läutete dazu immer wieder mit einer Glocke. Der Auslöser war stets derselbe, die Studenten mussten ihn erraten. Schmale hatte die Antwort als Erster. Der Professor schwang die Glocke immer dann, wenn eine der Studentinnen ihr schickes kleines Hütchen zurechtrückte. Nach dem Seminar winkte der Professor Schmale zu sich. "Sie sind gut, kommen Sie wieder." Und Schmale kam wieder, selbst als die Französin längst nach Hause zurückgekehrt war.

Wie wichtig es ist, genau hinzusehen und herauszufinden, warum Menschen bestimmte Entscheidungen treffen und was sie dabei beeinflusst, war die erste und schmerzvollste Lektion in Schmales Leben. 1931 in Bochum geboren, wuchs er auf in einer Welt, in der die Menschen eine schwärmerische Liebe für eine Politik hegten, die sich als verheerend herausstellen sollte. Er selbst, sagt Schmale, sei tief erschüttert gewesen, als er 1945, im Alter von 13 Jahren, vom Massenmord an den Juden erfuhr. Und es habe ihn schockiert, dass die Erwachsenen um ihn herum das Thema mieden.

Umso passender erschien ihm ein Berufsfeld wie die Psychologie, in der man sich mit dem Entscheidungsverhalten von Menschen beschäftigt und sie womöglich sogar ein wenig lenkt. Nicht nur in der Liebe. "Sind Sie ein guter Demokrat?" lautete einer der ersten Tests, den Schmale in den Sechzigern, als er als Assistent an der Münchner Uni arbeitete, für die Zeitschrift Twen entwickelte. 25 Fragen zu einem Thema, das Schmale sehr am Herzen lag. Persönlichkeitstests zum Ankreuzen waren etwas ganz Neues damals, Schmale entwickelte etliche, zum Beispiel "Wie ehrlich sind Sie?" und "Wie viel Nähe brauchen Sie?".

1967 kam der erste Partnerschaftstest. Schmale zeigt ihn rund 50 Jahre später in seinem Arbeitszimmer. Der Test, welcher der Zeitschrift beilag, ist auf hauchdünnes, rosa Papier gedruckt, als sei er schon der erste Liebesgruß. Rund 60 Fragen musste man beantworten und einsenden, dann erhielt man die Anschriften von möglichen Partnern. 25.385 Menschen beteiligten sich am ersten Durchgang. Es folgten drei weitere, die zehn Paare mit der höchsten Übereinstimmung bekamen eine Traumhochzeit in Salzburg geschenkt. In Kutschen fuhren sie voran, Schmale und die Redaktion folgten in einem Bus. In den Achtzigern passte der Psychologe den Fragebogen für eine Partnervermittlung an, 1999 wandte sich der Verlegersohn und Unternehmer Konstantin Urban an ihn. Ob Schmale das nicht fürs Internet weiterentwickeln wolle? Es folgten Planungssitzungen am Tegernsee, und eines Abends, bei einem Wein auf der Terrasse, mit Blick auf den See, wo die Menschen herumschipperten, dann die Idee: "Sollen wir das ganze nicht Parship nennen?"

80 Fragen umfasst der Test, der am Anfang der Online-Partnersuche steht. Manche stammen aus Schmales alten Tests, andere kamen neu dazu. Viele sind so konstruiert, dass man nicht gleich merkt, was man gerade über sich verrät. So geht es bei der Frage, ob man dem anderen die eigenen Lieblingsbücher zur Lektüre weitergebe, nicht um literarische Passion, sondern den Wunsch nach Nähe. Und die Frage, wie sich das Essverhalten bei Liebeskummer ändere, zielt nicht auf maßloses Verhalten ab, wohl aber auf emotionale Beteiligung: Untersuchungen haben ergeben, dass Menschen, die richtig leiden, entweder mehr oder weniger essen – diejenigen, die sich normal weiter ernähren, sind meist nicht so involviert. Alle Antworten zusammen geben Aufschluss über 28 grundlegende Eigenschaften, darunter Extraversion, Einfühlsamkeit und Großzügigkeit. Doch Selbsterkenntnis, sagt Schmale, sei nur der erste Schritt.