In der heutigen Lektion unseres kleinen Kinoseminars wollen wir uns mit dem Auftritt beschäftigen. Kennzeichen des Auftritts ist, dass man auf etwas tritt: auf einen roten Teppich, eine Bühne, den Boden eines Filmsets. Oder auf die Eitelkeit eines Stars. Ein spektakulärer Auftritt gelang Anke Engelke als Moderatorin der Eröffnungsveranstaltung der diesjährigen Berlinale. Im Gespräch mit dem im Publikum sitzenden US-Schauspieler James Franco verwandelte sich Engelke in die Persona eines beschwipsten weiblichen Fans, der sich penetrant an eine Berühmtheit heranwanzt. Während sie den verdatterten Franco vor dem ebenso verdatterten Publikum in ein Gespräch über sein Privatleben und seine Trinkgewohnheiten verwickelte, dehnte Engelke die Zeit zu einer absurden Größe zwischen Beckett und Dada.

Ein großer Auftritt braucht nicht unbedingt ein großes Publikum, er kann sich manchmal auf poetische Weise selbst genügen. Etwa so: Während eines Berlinale-Empfangs erblickt die Schauspielerin Sunnyi Melles ihren Kollegen Udo Kier und stürzt jauchzend auf ihn zu. Plötzlich bleibt sie wie angewurzelt stehen – um die an ihrem Kleid applizierten LED-Birnchen anzuschalten. Dann erst fällt sie Kier erleuchtet in die Arme.

Manchmal beruht die Wirkung des Auftritts ganz unmetaphorisch auf dem Auftreten. Auf der Schwerkraft, die im Kino manchmal auf die Schwerkraft der Verhältnisse verweist. Mit dem Gang eines Bierkutschers läuft die französische Schauspielerin Léa Seydoux durch Benoît Jacquots Film Journal d’une femme de chambre (Tagebuch einer Kammerzofe) und durch den Sommer der südfranzösischen Provinz. In seiner Verfilmung des 1900 erschienenen Fortsetzungsromans von Octave Mirbeau übernimmt Benoît Jacquot die Perspektive der Dienstbotin. Célestine wird von ihrer Hausherrin bis zur völligen Erschöpfung schikaniert und vom Hausherrn sexuell belästigt. Aber der Film übergibt Célestine die Macht, indem er sie das Geschehen mit ihren Tagebuchgedanken kommentieren lässt: "Hol dir deinen Nachttopf doch selbst, du blöde Pute."

Werner Herzog schickt Nicole Kidman in die Wüste

Schon in Luis Buñuels 1964 gedrehter Verfilmung verband sich die natürliche Aufmüpfigkeit der Hauptdarstellerin Jeanne Moreau mit Célestines innerer Revolte. Mit ihren aufgeweckten Zügen überführt Léa Seydoux, die zurzeit auch als Bond-Girl vor der Kamera steht, die Figur in ein zeitgenössisches Frauenbild, in eine Verweigerung, die immer kurz vor der Explosion zu stehen scheint. Wenn sie, von der altjüngferlichen Hausherrin kommandiert, immer wieder überlaut die Treppe herauf- und herunterpoltert, genüsslich die eingelegten Pflaumen der Herrschaften verspeist und das Mieder schnürt, als sei es die Uniform einer Kriegerin, dann trägt sie allein durch ihre Physis die Revolution in eine Klasse hinein, der man Ende des 19. Jahrhunderts vielleicht noch einmal die Köpfe hätte abschlagen müssen.

Nicht nur auf der Leinwand wird das Festival von Kämpferinnen heimgesucht. Zum ersten Mal hat die Gleichstellungsinitiative Pro Quote während der Filmfestspiele ein kleines Zelt auf dem Potsdamer Platz aufgebaut. Eher ist es eine durchsichtige Plastikblase, ein transparentes Iglu, in dem während der zehn Tage des Festivals fröhlich diskutiert, gelacht, interviewt, gefeiert und Wodka getrunken wird. Und doch zeigt auch diese 65. Berlinale, dass es nicht zwangsläufig das Geschlecht der Regisseurinnen und Regisseure ist, sondern vielmehr ein spezifischer Blick, der Frauen im Kino Präsenz, Kraft, Macht, kurz: einen Auftritt verschafft.