Bomben aufs Abendland – Seite 1

Sieben Tage und acht Nächte lang stand die Stadt in Flammen. Ihre Menschen wurden verbrannt, erschlagen, vergiftet. Die berstenden Mauern begruben 135.000 Tote, 75.000 mehr als in Hiroshima. Sodom in Sachsen überschrieb der Spiegel im Juni 1963 seine Geschichte über das neue Buch des britischen Historikers David Irving, in dem es um den "Untergang Dresdens" am 13. und 14. Februar 1945 ging. Geradezu biblisch sei das Ausmaß der Zerstörung gewesen, ein "sinnloser Terrorakt". Mit anderen Worten: Die wahren Opfer des Zweiten Weltkriegs – das konnten nur die Deutschen sein.

Das Buch Irvings, der sich später zum Holocaust-Leugner weiterentwickelte, machte tatsächlich Schlagzeilen, in Deutschland wie in England. Denn es schien Belege dafür zu liefern, wie das friedliche und wehrlose "Elbflorenz" Opfer alliierter Barbarei und einer mörderischen Luftkriegsstrategie geworden sei. Irving präsentierte auch die Schuldigen: Arthur Harris, Oberbefehlshaber der Royal Air Force, und Premier Winston Churchill.

Dass nun endlich auch ein Brite das sagte, wovon manch einer in Deutschland schon immer überzeugt gewesen war, löste in der Öffentlichkeit ein spürbares Durchatmen aus. Auch in der ZEIT erschien im September 1964 – der Auschwitz-Prozess lief bereits ein knappes Jahr – anlässlich der Übersetzung von Irvings Buch eine Besprechung aus der Feder von Margaret Hofmann, die zu dem Urteil kam: "Der wahrscheinlich größte Massenmord der gesamten Menschengeschichte, der in der Spanne eines einzigen Tages stattfand, wurde nicht von der Bevölkerung von Hiroshima erduldet, wie man zuerst fast automatisch annimmt, sondern von den Bewohnern von Dresden." Die sächsische Metropole stehe wie keine andere Stadt für die Sinnlosigkeit des Krieges und die moralisch zweifelhafte Militärstrategie der Alliierten.

Nun waren Erinnerungen an den Luftkrieg in Deutschland niemals, wie so oft behauptet, ein "Tabu", nicht im Osten und auch nicht im Westen. Im Gegenteil: Die Erfahrungen in Kellern und Bunkern, der Anblick der brennenden Straßen waren, neben den Berichten von der Flucht, oft die einzigen Erfahrungen aus den Jahren des "Dritten Reiches", über die im Familienkreis gern, offen und ausführlich gesprochen wurde. Darüber hinaus dominierte unmittelbar nach 1945 die Erzählung von der "Wiedergeburt" der deutschen Städte, die sich selbst aus den Trümmern freigeschaufelt hatten. In West-Berlin, in Hamburg, Köln, Hannover und in vielen anderen Großstädten entstanden in präparierten Kirchenruinen weithin sichtbare Erinnerungsorte, die nebenbei auch die bereits vollbrachte Aufbauleistung verdeutlichen sollten.

Im Übrigen prägte der Kalte Krieg die Darstellungen. Während in der Bundesrepublik zumindest offiziell stets Rücksicht auf die westlichen Verbündeten genommen wurde, griff man im Osten ungeniert die NS-Terminologie auf und sprach von "angloamerikanischen Terrorangriffen". Später entdeckte die Friedensbewegung in Ost wie West die mahnende Macht der Trümmer-Gedenkstätten. Seit den neunziger Jahren indes lässt sich beobachten, wie sich die Rede vom Luftkrieg als "Tabu" und angeblicher "Leerstelle" im Gedächtnis der Nation mit dem Wehklagen über die vermeintlich "vergessenen" deutschen Opfer des Krieges verbindet und einer neuerlichen, nun umso wuchtigeren Anklage alliierter Kriegsverbrechen. Das galt und gilt besonders für Dresden.

Wenig strittig ist inzwischen das Ereignis selbst. Der Angriff geschah im vollen Bewusstsein, dass ein Flächenbombardement zivile Ziele und eine große Zahl an Flüchtlingen treffen würde. Dresden galt den Alliierten als wichtiges militärisches Ziel der letzten Kriegsphase: eine noch intakte Garnisonsstadt, zudem ein strategischer Verkehrsknoten für die Truppenverlagerung aus dem Osten und zum Schutz der Reichshauptstadt Berlin.

Das britische Vorgehen unterschied sich in seiner Ausrichtung denn auch nicht wesentlich von anderen Angriffen. Sobald das Wetter günstig war, sollte mit dem Bombardement der ostdeutschen Städte (darunter auch Leipzig und Chemnitz) die Treibstoffzufuhr blockiert, die Infrastruktur des Reiches getroffen und die "Entstehung chaotischer Zustände" herbeigeführt werden. Das schloss zivile Ziele in der "Gauhauptstadt" ausdrücklich mit ein.

Von der NS-Propaganda vereinnahmt

Das britische Bomber Command flog in der Nacht zum 14. Februar 1945 mit 796 Lancaster-Maschinen den Angriff und warf in zwei Wellen 2.646 Tonnen Bomben über der Stadt ab. Anders als viele meinen, regnete es keinen Phosphor, und es gab auch keine Tiefflieger, die Jagd auf Menschen machten. Die Zerstörungen waren gleichwohl verheerend: Zahlreiche barocke Kirchen, Bürgerhäuser und Paläste, darunter das weltberühmte Ensemble aus Schloss und Zwinger, sanken in Trümmer, von 220.000 Wohnungen waren nach dem Angriff 75.000 verwüstet. Die Zahl der im Feuersturm umgekommenen Menschen blieb lange umstritten. Erst 2010 hat eine Historikerkommission im Auftrag der Stadt alle erreichbaren Quellen ausgewertet. Das Ergebnis: Statt der noch 1963 im Spiegel zusammenfantasierten 135.000 Opfer lag die Zahl der Toten bei maximal 25.000.

Die Bombardierung Dresdens überlagert bis heute die Erinnerung an die Zerstörung anderer, teils noch schwerer gezeichneter Städte wie Würzburg oder Pforzheim. Auch sie waren erst in den letzten Kriegswochen verwüstet worden, als es am Sieg der Alliierten schon keinen Zweifel mehr geben konnte. Aber warum ist das so?

Seine besondere Stellung in der kollektiven Erinnerung verdankt Dresden der nationalsozialistischen Propaganda. Im Januar 1945 startete das Goebbels-Ministerium einen letzten großen Feldzug. Zur Mobilisierung von Frauen und Kindern, Invaliden und Greisen, aber auch als Botschaft an die Welt zeichnete man das Reich als prospektives Opfer langfristiger alliierter Vernichtungspläne. Da kam der Angriff auf Dresden gerade recht. Gleich am 15. Februar verbreitete das Deutsche Nachrichtenbüro in Goebbels’ Auftrag die entsprechende Interpretation: Der "Terrorangriff" gegen die Barockstadt sei der letzte Beweis dafür, dass die Alliierten nicht etwa militärische Ziele verfolgten, sondern die Deutschen vernichten wollten.

Während die britischen Medien dem keine besondere Aufmerksamkeit schenkten, verbreitete sich die Nachricht andernorts schnell. Vor allem in der neutralen schwedischen Presse erschienen von der NS-Propaganda lancierte Berichte, die über das Ausmaß der Zerstörung Auskunft gaben. Von "unerhörten Opfern an Menschenleben" ist da die Rede, von der Tragödie einer Stadt, vom Elend der Flüchtlinge und von einer schier endlosen Zahl an Toten. Das Svenska Morgenbladet schrieb am 17. Februar unter Hinweis auf "vertrauliche Quellen" von 100.000 Toten; rund 2,5 Millionen Menschen hätten sich zum Zeitpunkt des Angriffs in Dresden aufgehalten.

Andere Zeitungen, auch in den USA, griffen diese Zahlen auf. Dresden erschien nicht mehr als ein militärischer Schlag unter vielen, sondern als Inbegriff maßloser alliierter Gewalt. Am 27. Februar meldete das Svenska Dagbladet schließlich, die Zahl der Toten liege näher bei 200.000 Opfern als bei 100.000; eine Zahl, die seitdem weiterverbreitet wurde.

In die Hände spielten Goebbels nicht zuletzt die Alliierten selbst: Die Nachrichtenagentur AP berichtete am 16. Februar über eine Pressekonferenz im Hauptquartier der alliierten Expeditionsstreitkräfte. Angeblich habe man nach dem Angriff auf Dresden einen Strategiewechsel vorgenommen. Von nun an seien das "absichtliche Terrorbombardement deutscher Bevölkerungszentren" und der rücksichtslose Einsatz aller zur Verfügung stehenden Mittel beschlossene Sache.

Zwar versuchten die Alliierten noch, die Falschmeldung zu stoppen, doch sie war in der Welt und schien nun genau das zu belegen, was Goebbels immer wieder düster verkündet hatte. Voller Wut empörte sich Robert Ley, Chef der Deutschen Arbeitsfront: Im Berliner Kampfblatt Der Angriff hetzte er gegen den von den "Judensöldlingen" begonnenen Luftkrieg, der die "Hälfte der Nation zu Besitzlosen" gemacht und eins der "wertvollsten Juwele", das kunstvoll-friedliche Dresden, zerstört habe. Und ganz im Sinne Hitlers versuchte Ley, die Verheerungen als nützlich für die nationalsozialistische Revolution umzudeuten: Schließlich hätten die Zerstörungen die Notwendigkeit zur Folge, alle bürgerlichen Konventionen, alle Grenzen und Schutzvorrichtungen niederzureißen und sich mit voller Kraft in den Kampf gegen die jüdisch-bolschewistischen Kriegstreiber zu stürzen.

Das Propagandaministerium wollte noch andere Akzente setzen. In der Berliner Wochenzeitung Das Reich erschien am 4. März unter der Überschrift Der Tod von Dresden ein Artikel Rudolf Sparings, der in ungewöhnlich offener Weise den Angriff analysiert und "Dresden" zu etwas Einmaligem stilisiert. Nicht den Heldentod stellt Sparing in den Mittelpunkt, wie es die NS-Propaganda so lange penetrant getan hatte, sondern das individuelle Sterben und die Hilfsbereitschaft der "Volksgemeinschaft", die trotz oder gerade wegen der "Dresdner Katastrophe" fester zusammenhalte denn je. Der Angriff zeige, was geschehe, wenn die "abendländische Kultur selbstzerstörerisch preisgegeben" werde. Dresden, das Symbol, die "Treuhänderin des abendländischen Gemeinbesitzes", sei vernichtet worden und dem angloamerikanischen Zynismus und der Gewaltspirale des Luftkrieges zum Opfer gefallen.

Auf diese Weise war "Dresden" innerhalb wenigen Wochen zur Chiffre für die angeblich kriminelle Kriegsführung der Alliierten geworden, eine Art "moralisches Faustpfand", welches das NS-Regime nicht nur in den letzten Monaten der Agonie, sondern auch für die sich abzeichnende Nachkriegszeit und die dann unvermeidliche Diskussion über Kriegsschuld und Verbrechen nutzen wollte.

Eine Mischung aus Totenklage, Trauerliturgie und Friedensbotschaft

Viele dieser Motive finden sich nach 1945 wieder – und leider sind sie bis heute keineswegs verschwunden. So knüpfte die Erinnerungspolitik der DDR auf vielfältige Weise an die NS-Propaganda an. 1946 und 1947 hatten führende Funktionäre der KPD/SED noch von der Mitschuld der Deutschen am Luftkrieg gesprochen und erst dann das "unschuldige" Sterben der Stadt beklagt. Mit der zunehmenden Verschärfung der deutsch-deutschen Systemkonkurrenz verschwanden die selbstkritischen Töne. Nun war immer häufiger von den "Verbrechen der Alliierten" zu hören. Die staatssozialistischen Vorgaben lauteten: mit der Erinnerung an den Luftkrieg dem westlichen Imperialismus die Maske herunterreißen. Wieder war vom "wehrlosen" Dresden die Rede, nun aber als Opferstadt, die bombardiert worden sei, weil der Westen das künftige Territorium der Sowjets zerstören und damit den Aufbau des Sozialismus habe verhindern wollen. "Dresden" verwandelte sich so in die Geschichte städtischen Leids und zugleich in eine sozialistische Wiederaufbau- und Heldensaga. Zugleich ermöglichte es die Deutung des Bombardements als "imperialistisch-faschistisches" Verbrechen, Kritik an den restaurativen Tendenzen der jungen Bundesrepublik zu üben. Für den historischen Ort, für die Geschichte des Nationalsozialismus in Sachsen interessierte sich kaum jemand; Dresden galt weiterhin als "unschuldiges Opfer".

Gleichwohl entwickelten sich, vor allem im Umfeld der Kirchen, bereits vorsichtige Ansätze zu einem anderen Gedenken. Trauergottesdienste evangelischer Gemeinden setzten eigene Akzente, vor allem seit Beginn der achtziger Jahre, als sich die Erinnerung an den Luftkrieg mit den Forderungen der Friedensbewegung verband. Am 14. Februar 1982 wurde von einer ökumenischen Initiative erstmals öffentlich an das Schicksal der Juden erinnert – auf einer Veranstaltung in der Dresdner Annenkirche. Für die Kirchen in Ost wie West rückte nun der Begriff der "Versöhnung" in den Mittelpunkt; einer Versöhnung insbesondere mit Städten, die durch die Deutschen zerstört worden waren, wie das englische Coventry. Es ging ganz allgemein um die Sinnlosigkeit des Krieges. Dabei blieb die Frage der Schuld ausgeklammert und wurde in der Semantik von Frieden und Vergebung aufgelöst.

Nach 1989 veränderte sich manches, aber längst nicht alles. Den meisten Dresdnern galt das Schicksal ihrer Stadt weiterhin als eine Angelegenheit von Weltrang; ihre Erfahrungen während der Kriegszeit hielten sie nach wie vor für kaum vergleichbar. Wer von Dresden sprach, konnte nun historisch gegen den Krieg im Irak argumentieren und gleichzeitig an die Deutschen als Opfer des Zweiten Weltkriegs erinnern.

Im ultimativen Gedenkmarathon des Jahres 1995 war es der damalige Bundespräsident Roman Herzog, der in Dresden die neue deutsche Staatsräson formulierte: Nicht Aufrechnung und Anklage, sondern "pure Trauer" solle das Gedenken bestimmen. Vom Luftkrieg als historischem Ort sprach Herzog nicht, dafür von einem Gedenken, das sich gegen den "Krieg als solchen" richtet. Es war, wie der Historiker Dan Diner in anderem Zusammenhang befand, eine "Anthropologisierung des Leidens", die niemandem mehr wehtut – und damit irrelevant wird.

Diese Mischung aus Totenklage, Trauerliturgie und aktueller Friedensbotschaft ließ Raum für äußerst unterschiedliche Anliegen. "Die Erinnerung" pluralisierte sich. So entstanden etwa zivilgesellschaftliche Initiativen, die darauf drangen, die jüdische und nationalsozialistische Geschichte der Stadt in das Gedenken miteinzubeziehen; damit hatte man sich in Dresden lange Zeit schwergetan und sich nur wenig um die Aufklärung der lokalen NS-Geschichte gekümmert. Gleichzeitig marschierte seit Ende der neunziger Jahre die extreme Rechte gegen den "Bomben-Holocaust" – mit alten antiamerikanischen und antisemitischen Parolen.

Bis heute prägt der Kampf um das "richtige" Gedenken die Stadt. Aber welche Erinnerung ist angemessen? Wie soll Dresden auf die Herausforderung von rechts reagieren? Scharfe Kritik an den offiziellen Gedenkritualen kommt nicht zuletzt aus dem Umfeld "antifaschistischer" Initiativen: Statt selbstgefällige Trauerreden zu halten und Kränze niederzulegen, möge man doch bitte schön mehr Engagement im Kampf gegen die Neonazis zeigen. Solche Vorwürfe "von außen" hört man im bürgerlichen Dresden nicht gern. Den Vorwurf, die Geschichte werde instrumentalisiert, erheben dabei alle beteiligten politischen Gruppen immer wieder von Neuem.

Längst ist das Schicksal der Stadt auch zum Unterhaltungsstoff geworden. Prächtige Quoten brachte dem ZDF im Jahr 2006 die zweiteilige, mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnete Schmonzette Dresden. Sie erzählt die Liebesgeschichte einer deutschen Krankenschwester und eines abgeschossenen britischen Piloten – der Bombenkrieg als Romanze mit feurigem Kuss und den trauernden Liebenden auf der Kuppel der Frauenkirche.

Ein Ende der Kontroversen ist indes nicht abzusehen. Und es mag ja ein gutes Zeichen für die demokratische Kultur sein, dass die Auseinandersetzung um das "richtige" Erinnern immer wieder neuen Streit produziert. Dennoch möchte man sich eines lieber nicht ausmalen: was passiert, wenn sich in Dresden dieser Tage der "Kampf ums Abendland" mit der Debatte um die Geschichte des Zweiten Weltkriegs verbindet.