Mit einem prachtvollen, geradezu rauschhaften Werk eröffnet Jan Wagner seine Regentonnenvariationen, mit dem Gedicht giersch. Der Giersch ist ein krautiges Gewächs, von Gärtnern gefürchtet, weil in seinen unterirdischen Ausläufern kaum zu vernichten. Wagner bereitet der unerschöpflichen Lebenskraft dieser Pflanze einen lyrischen Triumph. Die Pointe: Es geschieht in einem Sonett, einer strikten Gedichtform. Doch deren Disziplin wird überspült durch das klangliche Schäumen: "als gischt, der ohne ein geräusch / geschieht, bis hoch zum giebel riecht, bis giersch / schier überall sprießt, im ganzen garten giersch". Der Reim, der zum Sonett gehört, ist hier durch lautliche Anähnelung ersetzt, für die die Bezeichnung Assonanz noch zu streng wäre: "giersch" auf "keusch", "schuld" auf feld", bis es in den identischen Reim, ein dreifaches Versende mit "giersch" ausläuft. Man kann nicht anders, als die Meisterschaft des 1971 geborenen Dichters zu bewundern.

Er meidet den Reim, er setzt auf die leichteren, weicheren, verschleifenden klanglichen Verbindungen wie "kugel" – "dunkel", "schlaf" – "schweif" oder "versammelten" – "lady hamilton". Die Mehrzahl der Gedichte der Regentonnenvariationen sind Naturgedichte, vor allem auf Pflanzen und Tiere. Die Abneigung gegen den Endreim in seiner abschließenden Kraft mag mit der Sympathie für die alle begrifflichen Grenzen überwindenden Kraft der Natur zu tun haben.

Einzelne Gedichte kreisen um Kunstwerke, das sind nicht die besten. Schön dagegen die etüden über den Klavierunterricht für ein unbegabtes Kind, das elendige Missverhältnis von Anspruch und Möglichkeit, "die teppichdumpfen mittwochnachmittage" und den Moment vor der Tür, "bis etwas großes durch den brunnenschacht / des hausflurs stieg, bis sie, madame, erschienen". Aber wenn es von ihr heißt, dass sie "perfekt und streng wie eine Fuge" auf den unglücklichen Eleven hinuntersah, dann spricht in der Tat jemand über die Form der Fuge, der unmusikalisch ist: "ich verwechsle / noch immer Schubert und Schumann." Das bestätigt der Autor, womöglich mit Genuss, wenn er im requiem für einen friseur melancholisch fragt: "wer wirft die orgel / aus fönen an und lässt sie brausen?" Merkwürdig bei einem Lyriker, der in seiner Kunst ein so feines Gehör besitzt.

An Wagners Meisterschaft der Sprachbehandlung kann kein Zweifel bestehen. Aber es gibt Momente, in denen die Meisterschaft dem Leser zu viel werden kann. anna ist ein Gedicht über eine Frau, ein Hausmädchen vielleicht, mit Hasenscharte. Die Kinder "wußten alles über ihre scharte", sie nehmen das Wort wörtlich, sie versinken ganz in der Vorstellung des Hasenartigen, und das Gedicht versinkt in der Klangmalerei dieser Vorstellung. Die Kette der Raffinessen kann nervös machen – es verbindet sich mit der Hasenscharte ja auch vielleicht ein großer Kummer. Doch wird man diesen Raffinessen ihre ästhetische Legitimation nicht absprechen, das Missverhältnis von kindlicher Wahrnehmung und persönlichem Erleiden der Fehlbildung ist gerade Gegenstand des Gedichts. In anderen Fällen jedoch stellt sich die Frage nach der Funktion der Kunstfertigkeit mit größerem Recht.

Was ist das für eine Natur, von der die Naturgedichte sprechen? Nicht eine politisch aufgefasste, kein Opfer der technischen Zivilisation. Es ist aber auch nicht eine Welt der Schönheit und Ordnung, die uns mahnte, im eigenen Leben solche Ordnung zu finden. Es ist eine isolierte Größe, vor der der Autor oder sein lyrisches Ich und das Publikum eigentümlich beziehungslos stehen. Ausflügler auf einer Bootstour bekommen etwas Besonderes zu sehen. Alles verstummt. Doch was es ist, das die Betrachter schweigen lässt, das bringt auch das Gedicht nicht zur Sprache. Dass es Tümmler gewesen sein müssen, erfahren wir allein aus dem Titel.

Ein Elch wird gejagt, der Lauf der Büchse "wie eine schlag- / ader in meiner faust". Merkwürdiges Bild. Die Ader ist warm, sie pulst, ist Bild des Lebens; wie kommt der Jäger darauf, sie mit der Büchse zu vergleichen? Der Elch jedenfalls ist schlecht getroffen, er flieht, zieht eine Blutspur, später wird er gefunden: "dann seine schaufeln, um die luft gelegt / wie hände eines champions am pokal." Die alten Jagdbräuche werden ins Zeitgemäße übersetzt. Aber zu deutlich spürt man den Aktualisierungswillen. Die weit ausladenden Elchschaufeln haben auch wenig mit dem klammernden Griff um den Pokal zu tun. Es stimmt etwas mit der Anschauung nicht. Und es stimmt etwas nicht mit dem Versuch der moralischen Einordnung. Die Jagdbräuche waren Gesten des Respekts vor dem Wild und, ähnlich wie die Kränze um den Hals der antiken Opfertiere, eine Entsühnung, erwachsen aus dem Gefühl, mit dem Töten der Tiere eine Schuld am Leben auf sich zu laden. Mit dem ehrenden Bild des Champions wird diese moralische Anschauung in Erinnerung gerufen. Aber von der Größe des Tieres, seiner Schönheit, seinem Todeskampf war nicht die Rede. Und damit nicht von dem, was wir mit ihm zu tun haben.